Versorgungssicherheit: Von Rissen und Laufzeiten


Veröffentlicht am 26. November 2015

Von Rissen und Laufzeiten Wie ein Beispiel aus Belgien uns ganz neue Einblicke in unsere Versorgungssicherheit bringt.

Wenn die Rede von der Energiewende und dem Strommarkt der Zukunft ist, kommen Kritiker schnell auf das Thema „Versorgungssicherheit“ zu sprechen. Die gewöhnliche Sichtweise der Beziehung sieht so aus:

Erneuerbare (+) → Versorgungssicherheit (–)


Die Hauptgründe hierfür:

  • Wind- und Solarstrom, die den größten Anteil an der Energiewende haben, produzieren schwankend und nicht perfekt prognostizierbar Strom. Bei wenig Sonne und Wind kann die Stromproduktion so stark sinken, dass die Nachfrage nicht mehr bedient werden kann. Die Lichter gehen aus.
  • Der Umbau der Erzeugungslandschaft weg von wenigen zentralen Einheiten nahe den Ballungs- und Verbrauchsgebieten zu vielen dezentralen Anlagen über das Land verteilt und an den Küsten, verlangt auch einen Umbau der Stromnetze. Sie müssen die neuen Anlagen, insbesondere Windparks, mit den Verbrauchszentren verbinden. Aber der Ausbau ist zeitaufwendig, teuer und geht nicht so schnell voran wie der Ausbau der Erneuerbaren. Die Lichter gehen aus.

Wir haben schon in vielen Beiträgen betont, dass wir das nicht so sehen, und erklärt, warum wir so denken (z.B. in der Tagesspiegel-Diskussion rund um das zukünftige Strommarktdesign und unserem Blogbeitrag „Und sie bewegt sich doch“): Seit der Einführung der Direktvermarktung des Strom aus Erneuerbaren Energien nach EEG 2012 sind EE-Anlagenbetreiber bzw. ihre beauftragten Vermarkter erstmalig verpflichtet worden, die am Folgetag produzierten Strommengen beim Netzbetreiber anzumelden. Erst seitdem haben Vermarkter ein wirtschaftliches Interesse daran, gute Prognosen über die Einspeisung volatiler Erzeuger zu machen und Abweichungen von den Prognosen kurzfristig im kontinuierlichen Intraday-Handel auszugleichen – denn sonst müssten sie die Kosten für den Ausgleich der Abweichungen (Ausgleichsenergie) tragen. Das hat dazu geführt, dass heute Wetter- und Einspeiseprognosen qualitativ wesentlich hochwertiger sind als noch in 2012. Zusätzlich haben seither eine Reihe Innovationen im Strommarkt Einzug gehalten, unter anderem die strompreisgeführte Steuerung von flexiblen EE-Anlagen und der Ausbau von agilen Virtuellen Kraftwerken. So hat der neue Wettbewerb die Ablösung der bisher eher an Planwirtschaft erinnernden Strukturen der Ökostromvermarktung eingeläutet und zusätzlich die Notwendigkeit von kostspieligem Netzausbau vermindert.

Die flexibel steuerbaren Erneuerbaren Energien wie Bioenergie und Wasserkraft leisten schon heute einen entscheidenden Beitrag dazu, die Schwankungen von Wind und Solar mit ihrer Regelenergie auszugleichen. In Zukunft wird sich dieser Trend verstärken. Zusätzlich werden flexible Stromverbraucher von der Nachfrageseite aus das Stromnetz stabilisieren und Einspeisespitzen kontern. Diese Veränderung wird den Strommarkt so radikal umwälzen, dass kaum eine der Gewissheiten aus der Kohle- und Atom-Ära noch standhalten wird. Im Strommarkt der Zukunft ist die Stromnachfrage nicht mehr fix, sondern passt sich der Stromproduktion an!

Aber selbst wenn man diesen Argumenten nicht traut und eine ganz andere Idee vom Strommarkt der Zukunft hat: Trifft die Frage, ob Verbraucher immer genau dann Strom kriegen, wenn sie ihren Wasserkocher nun mal anmachen wollen, wirklich die einzige, die entscheidende Dimension von „Versorgungssicherheit“? Oder gibt es vielleicht weitere Aspekte von Versorgungssicherheit, die in der Debatte häufig ausgeblendet oder kleingeredet werden, weil sie noch ein bisschen komplexer und daher unangenehmer sind? Für die Antworten auf diese Fragen schauen wir uns zunächst ein Beispiel aus Belgien an und blicken anschließend genauer auf die deutschen Importe fossiler Brennstoffe.

Dezentral vs. zentralistisch – oder: Die Belgische Stromversorgung wackelt

Die jüngsten Vorfälle in den belgischen Atomkraftwerken gingen hierzulande wie ein Lauffeuer durch die Presse und fachten alte Atomsorgen an – schließlich sind die Reaktoren nur rund 70 bzw. 130 km von der deutschen Grenze entfernt. Spiegel Online, 3sat, die taz und viele weitere berichteten. Zwei der insgesamt sieben belgischen Atomreaktoren (Tihange Block 2 und Doel Block 3) mit einer gesamten Leistung von 2.014 MW sind bereits seit März 2014 vorübergehend abgeschaltet worden, nachdem tausende Risse an den Reaktorbehältern entdeckt wurden. Diese Nachricht ist aber nicht nur wegen der erhöhten Angst vor einem GAU brisant, sondern auch weil nun insbesondere an kalten Wintertagen, wenn viel Strom und Wärme gebraucht wird, die Versorgung nicht ausreichen könnte. Im Winter 2014 bat die Politik ihre Bürger in einer öffentlichen Kampagne bereits um Sparsamkeit mit Strom, um kurzfristig die Nachfrage zu senken. Es sind nur zwei Anlagen, die ausgefallen sind, und dennoch ist die belgische Stromversorgung akut gefährdet. Das liegt daran, dass im „alten Strommarkt“ wenige große Großkraftwerke die Stromversorgung sichern sollen. Wenn von diesen Kraftwerken auch nur wenige über einen längeren Zeitraum ausfallen, fehlen direkt enorme Kapazitäten. Im „neuen Strommarkt“ aber gibt es Millionen dezentrale Einheiten. Wenn davon einige ausfallen, kann das Gesamtsystem dies wesentlich leichter abfedern – und die Anlagen können schneller repariert oder ersetzt werden. Mit anderen Worten: Der neue Strommarkt hat mehr Redundanz als der alte. Aus dieser Perspektive betrachtet sieht das Verhältnis also so aus:

Erneuerbare (+) → Versorgungssicherheit (+)


Die belgische Regierung und der belgische Übertragungsnetzbetreiber Elia leiteten aus Angst vor dem Blackout verschiedenste Maßnahmen ein, um die Situation zu stabilisieren.

  • 1. Die oben erwähnten öffentlichen Kampagnen, die die Bürger und Unternehmen zum Stromsparen aufriefen.
  • 2. Einen Stromindikator, der wöchentlich aktualisiert anzeigt, an welchen Tagen mit Stromknappheit oder sogar Abschaltungen zu rechnen ist.
  • 3. Die Erhöhung der Einfuhrkapazität von Strom an der niederländischen Grenze (von 2.750 MW auf 3.400 MW), damit im Falle von geringer Solar- und Windeinspeisung bei gleichzeitig hoher Stromnachfrage größere Strommengen aus den Niederlanden eingeführt werden und die Stromnetze stärker entlastet werden können.
  • 4. Eine strategische Reserve von 1.554 MW: Davon werden 1.196 MW von Kraftwerken bereitgestellt, die im Winter als unrentabel eingestuft werden und darum stillstehen. Die verbleibenden 358,4 MW werden von gewerblichen und industriellen Stromverbrauchern bereitgestellt, die im Bedarfsfall ihren Verbrauch drosseln.

Diese Maßnahmen erscheinen in Anbetracht der enormen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kosten, die mit einem größeren Versorgungsausfall verbunden sind, durchaus gerechtfertigt. Kaum nachvollziehbar sind aus unserer Sicht allerdings die langfristigen politischen Konsequenzen, die die belgische Regierung aus den Ausfällen der Atomkraftwerke gezogen hat: Sie beschloss im Juli 2015 die Laufzeiten zweier der ältesten Reaktoren (Doel 1 und 2, Inbetriebnahme 1974 und 1975) bis zum Jahr 2025 zu verlängern. Eigentlich hätten die beiden Anlagen im Zuge des im Jahr 2003 beschlossenen Atomausstiegs bereits 2015 abgeschaltet werden sollen. Nun werden für den sicheren Betrieb während der nächsten 10 Jahre bis zu 700 Millionen Euro an Investitionen nötig sein.

Da der eigentliche Auslöser der Gefährdung der Versorgungssicherheit ist, dass der „alte Strommarkt“ mit seinen wenigen Großkraftwerken keine sichere und zuverlässige Stromversorgung bieten kann, ist diese Entscheidung mehr als zweifelhaft. Sie gibt zu erkennen, dass diese zweite Dimension von Versorgungssicherheit – die Redundanz, die insbesondere eine dezentrale Energieversorgung aus erneuerbaren Energiequellen bietet – bis heute in den Entscheidungsebenen in Politik und Wirtschaft nicht vollends angekommen ist. Die Hunderte von Millionen, die jetzt in marode Atomkraftwerke fließen, wären sicherlich im Neu- und Ausbau von Solar-, Windkraft-, Biogas-, Wasserkraft- und KWK-Anlagen besser investiert gewesen.

Resümee

Das aktuelle Beispiel aus Belgien zeigt, dass die häufige Annahme, der Ausbau der (volatilen) Erneuerbaren würde unweigerlich zu geringerer Versorgungssicherheit führen, eindeutig zu kurz gefasst ist. „Versorgungssicherheit“ ist ein komplexes Thema mit vielen Facetten. Die Belgische Stromversorgung setzt mit ihrem Atomstromanteil von 55 % und 33 % fossilen Energieträgern bisher noch fast vollständig auf den „alten Strommarkt“ – mit der Folge, dass heute durch den Ausfall zweier Atomreaktoren die Versorgungssicherheit gefährdet ist. Das macht deutlich, dass die Redundanz, die ein Strommarkt bietet, der auf Millionen dezentralen Anlagen der Erneuerbaren Energien aufbaut, einen sehr hohen Wert hat und eindeutig die Versorgungssicherheit erhöht.

Im zweiten Teil der Blogserie schwenken wir zurück nach Deutschland: Wir verfolgen die Wege deutscher Energieimporte und ergründen was sie mit unserer Versorgungssicherheit zu tun haben.

Fotocredit: Dyrk.Wyst , Lizenz: CC BY 2.0


Von

Helen Steiniger ist Referentin der Geschäftsführung bei Next Kraftwerke. Als Nachhaltigkeitswissenschaftlerin brennt sie für die Energiewende und setzt sich mit Leidenschaft für den Strommarkt der Zukunft ein.

Kommentare
heinbloed: (27.11.15)
Bemerkenswert ist die Aussage der internationalen Fachkommission(wer ist daseigentlich?) keine schriftlichen Aussagen zur Sicherheit der belgischen Rissreaktoren treffen zu wollen. Man gibt Stellungsnahmen nur noch muendlich. Roentgenbilder bzw. Ultraschallbilder sind manipulierbar, das ist den fuer Belgien zustaendigen Fachleuten sicher klar: http://oekonews.at/index.php?mdoc_id=1103094

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