Versorgungssicherheit: Das Ende der Pipeline


Veröffentlicht am 7. Januar 2016

Das Ende der Pipeline Ob Uran, Erdöl, Steinkohle oder Erdgas – egal welcher Primärenergieträger, Deutschland sitzt für gewöhnlich am Ende der Pipeline und ist darum auf stetig eintreffende Lieferungen angewiesen. Was bedeutet das für uns und unsere Versorgungssicherheit?

Im letzten Blogbeitrag unserer Kurzserie über die Versorgungssicherheit haben wir ein Beispiel aus Belgien vorgestellt, wo durch den Ausfall zweier Atomreaktoren die Stromversorgung stark gefährdet wurde. Die beiden Reaktoren Doel 3 und Tihange 2 wurden im März 2014 abgeschaltet, nachdem an beiden Reaktorbehältern Tausende Haarrisse entdeckt wurden. Trotz großer Sicherheitsbedenken – unter anderem auch aus Deutschland, da das AKW Tihange nur gut 70 km von Aachen entfernt liegt – wurden beide Reaktoren Mitte Dezember 2015 wieder hochgefahren. Doel 3 musste jedoch kurz darauf wegen eines Lecks an einer Heißwasserleitung wieder runtergefahren werden. Fast zeitgleich schaltete sich der Reaktor Tihange 1 auf Grund eines Brandes auf dem Gelände automatisch ab. Inzwischen sind alle Reaktoren in Tihange wieder am Netz, nur Doel 3 ist derzeit noch abgeschaltet.

Dies hat uns zu der These bewogen, dass die häufige Annahme, der Ausbau der (volatilen) Erneuerbaren würde unweigerlich zu geringerer Versorgungssicherheit führen, eindeutig zu kurz gefasst ist. „Versorgungssicherheit“ ist ein komplexes Thema mit vielen Facetten. Ein neuer Strommarkt, der aus Millionen EE-Anlagen aufgebaut ist, bietet eine Redundanz, mit der der alte Strommarkt mit wenigen Großkraftwerken nicht mithalten kann. So betrachtet, sieht das Verhältnis so aus:

Erneuerbare (+) → Versorgungssicherheit (+)

Aber bei dieser Momentaufnahme wollen wir es nicht belassen.

Denn der neue Strommarkt bietet nicht nur Redundanz, die die Versorgungssicherheit erhöht. Im Folgenden wollen wir uns ein zweites Beispiel aus dem alten Strommarkt anschauen, das deutlich macht, welche Unsicherheiten mit unserer aktuellen Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und Uran verbunden sind. Wir prüfen, wo Uran, Erdöl, Kohle und Erdgas herkommen und diskutieren die Konsequenzen daraus.

Uran, Erdöl, Kohle, Erdgas: Woher kommt das?

Im Jahr 2012 gab Deutschland knapp 3 Milliarden Euro für Steinkohle-Importe [1], 23 Milliarden Euro für Erdgas-Importe und 68 Milliarden Euro für Erdölimporte aus. Auf Basis dieser Zahlen kalkuliert die Agentur für Erneuerbare Energien, dass durch den Ausbau der Erneuerbaren bereits im Jahr 2012 Brennstoffimporte im Wert von 10 Milliarden Euro eingespart wurden.

Hier eine Aufschlüsselung des deutschen Primärenergieverbrauchs im Jahr 2014 nach Energieträgern:

  • Erdöl: 34,4 %
  • Erdgas: 20,5 %
  • Steinkohle: 13,1 %
  • Braunkohle: 12 %
  • Erneuerbare: 11,3 %
  • Kernenergie: 8,1 %

Die deutsche Energieversorgung fußt also bis heute zu fast 90 % auf fossilen Energieträgern und Uran. Dabei lag die Nettoimportabhängigkeit 2013 (Folie 12) bei:

Diese Zahlen machen deutlich, dass Deutschland bis heute enorm von Importen von Uran und fossilen Brennstoffen abhängig ist. Aus welchen Ländern stammen die Importe? Hierzu schauen wir uns die einzelnen Energieträger ein bisschen genauer an und versuchen einen Blick hinter ihre Förder- und Lieferketten zu werfen.

Uran

Uran, der Haupt-Primärenergieträger für Atomkraftwerke, ist ein natürliches Element, das auf der Erde recht häufig vorkommt, jedoch oft in Gestein, der Erde oder den Meeren gebunden bzw. verstreut ist. Uran wird je nach den geologischen Bedingungen vor Ort mit unterschiedlichen Methoden in Minen abgebaut. Nachdem das Uran abgebaut wurde, wird es zu Yellow Cake gemahlen und anschließend zu 3 bis 4% Uran-235 angereichert. [2] Der letzte Schritt in der Anreicherung des Urans wird dann häufig in der Urananreicherungsanlage Gronau (NRW) bzw. dessen Verarbeitung zu Brennelementen in der Brennelementfertigungsanlage Lingen (Niedersachsen) vollzogen. Die Brennelemente mit dem angereicherten Uran werden in die Atomkraftwerke verbracht, dort in Brennstäben im nuklearen Reaktor angeschlossen und anschließend durch Kernspaltung zur Stromproduktion genutzt.

Die Kernspaltung verursacht verschiedene stark radioaktive Abfallprodukte, zum Beispiel Technetium-99, Jod-129, Neptunium-237 und Plutonium-239, welche für Zeiträume zwischen mehreren tausend und einigen Millionen Jahren tödlich für Menschen, Tiere und Pflanzen sein können. Daher ist die sichere Lagerung des Atommülls eine wichtige und schwierige Aufgabe, die bis heute noch kein Staat endgültig lösen konnte. Aber auch beim Bergbau selbst werden Uran und radioaktive Zerfallsprodukte, wie zum Beispiel Radon, an die Erdoberfläche gebracht und so direkt in die Umwelt freigesetzt.

Offiziell stammen Deutschlands Uran-Importe aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Großbritannien, Schweden, Spanien, den USA, Kanada, Russland und China, wobei Frankreich und Großbritannien als die größten Uranlieferanten Deutschlands angegeben werden. Tatsächlich bauen Frankreich und England allerdings selbst kein Uran ab, sondern importieren wiederum. Sie sind nur als Exportländer gelistet, weil in ihnen der letzte Anreicherungsschritt bei der Uran-Verarbeitung durchgeführt wurde, bevor die Rohstoffe Deutschlands Grenzen passierten. Frankreich bezieht sein Uran hauptsächlich über den französischen Areva-Konzern, der in Kanada und Niger Uranminen betreibt. Weitere Importe Frankreichs stammen aus Australien, Kasachstan und Russland. Auch Russland bezieht große Mengen seines Uranbedarfs aus ausländischen Minen des russischen Staatskonzerns Rosatom, weil das Land mehr Uran verbraucht als es zu Hause fördert. Im Jahr 2013 übernahm Rosatom die kanadische Firma Uranium One, durch die der Konzern zu einem der größtem Uran fördernden Unternehmen der Welt wurde – mit Minen in Kasachstan, den USA, Australien und Tansania.

Die Länder mit dem höchsten Anteil an der weltweiten Uranförderung sind:

  • Kasachstan (36 %)
  • Kanada (15 %)
  • Australien (12 %)
  • Niger (8 %)
  • Namibia (8 %)
  • Russland (5 %)

Einige europäische Länder führen zwar weiterhin Erkundungsarbeiten durch, jedoch wird Uran in großen Mengen heute nur noch in der Ukraine und in Tschechien abgebaut – Uran ist also kein primär inner-europäisch produzierter und verarbeiteter Rohstoff, wie die offizielle Statistik suggeriert. Das eigentlich Problematische daran ist, dass die Lieferketten sehr undurchsichtig sind und man darum nicht sicher nachvollziehen kann, woher nun tatsächlich das Uran stammt, das in deutschen Kernkraftwerken verbraucht wird. Der reinen Wahrscheinlichkeit nach kommt das meiste wohl aus Kasachstan.

Erdöl

Erdöl wird in Deutschland zwar bis heute gefördert, jedoch sind die Mengen so gering, dass 98 % des deutschen Bedarfs importiert werden müssen (Seite 3 im PDF). Aus den folgenden Ländern kam im Jahr 2010 der Großteil deutschen Rohölimporte:

  • Russland: 36,3 %
  • Großbritannien: 14 %
  • Norwegen: 9,5 %
  • Kasachstan: 8,7 %
  • Libyen: 7,8 %

Der Rohölpreis schwankt enorm, was insbesondere seit der Jahrtausendwende zu beobachten ist. Im Jahr 2000 lag der Rohölpreis mit 28,4 US-Dollar so hoch wie seit den Jahren nach der zweiten Ölkrise Anfang der 1980er-Jahre nicht mehr. In den Rekordjahren 2008 und 2011 bis 2014 stieg der Preis bis an die 100 US-Dollar-Grenze und darüber hinaus. Sein Allzeithoch fand er 2012 bei 111,63 US-Dollar pro Barrel – dem beinah Vierfachen (!) des 2000er-Niveaus. Im Jahr 2015 ist der Preis stark gesunken auf derzeit 57,63 US-Dollar – nur knapp 60% des Vorjahreswerts, aber immer noch doppelt so hoch wie im Jahr 2000. Diese enormen Preissprünge über kurze Zeiträume verdeutlichen die ökonomische Unsicherheit, mit der die Abhängigkeit von Ölimporten verbunden ist.

Hinzu kommt, dass Erdöl mit 34 % den größten Anteil am deutschen Primärenergieverbrauch hat und damit mehr als jeder andere Energieträger zur Klimaerwärmung beträgt.

Resümee

Das in deutschen AKWs eingesetzte Uran wird aller Wahrscheinlichkeit nach hauptsächlich in nichteuropäischen Ländern abgebaut. Die einzelnen Herkunftsländer können auch nach aufwändiger Recherche nicht nachvollzogen werden, weil nur die Länder in den deutschen Statistiken auftauchen, in denen der letzte Verarbeitungsschritt des Urans stattgefunden hat, bevor der Brennstoff ins Land gelangt ist. Die Wege sind intransparent und man kann von außen schlicht nicht nachbilden, wo das Uran unter welchen Bedingungen abgebaut und verarbeitet wird und wer dieses Uran an wen verkauft.
Beim Erdöl ist Deutschland mit 36,3 % der Importe stark von Russland abhängig – einem Land, das sich aktuell sowohl im Krim-Konflikt als auch im Bürgerkrieg in Syrien als schwieriger Verhandlungspartner hervorgetan hat. Gerade beim wirtschaftlich wichtigen Ölpreis spielen auch solche geopolitischen Überlegungen eine bedeutende Rolle. Es ist sicher nicht beruhigend, beim Öl vom Wohlwollen russischer Staatskonzerne abhängig zu sein.

So zeigt sich deutlich, dass die angebliche Versorgungssicherheit, die uns fossile Energieträger bieten, gemeinhin überschätzt wird. Das eigentliche Verhältnis sieht aus dieser Sicht so aus:

Fossile Energieträger (–) → Versorgungssicherheit (+)

Also ein Grund mehr daran zu arbeiten, das Ende der Pipeline so schnell wie möglich zu erreichen und eine Energiewende einzuläuten, die nicht nur beim Strom, sondern auch bei Wärme und Mobilität, auf Erneuerbare Energiequellen setzt.

Nächste Woche schließen wir unsere Reihe zur Versorgungssicherheit ab, indem wir zum Schluss noch auf Steinkohle, Braunkohle und Erdgas blicken.

[1] Deutschland importiert zwar auch Braunkohle, jedoch werden diese Mengen durch den Export kompensiert. Im Jahr 2013 wurden 71.000 Tonnen Braunkohle (für ca. 4 Millionen Euro) importiert und 1,3 Millionen Tonnen (für 121 Millionen Euro) überwiegend in EU-Nachbarländer exportiert.

[2] Im Naturzustand bestehen nur ca. 0,7 % des abgebauten Urans aus dem Uran-235-Isotop, dem einzigen in der Natur vorkommenden starken Kernbrennstoff. Die übrigen 99,3 % des abgebauten Urans bestehen aus dem schwachen Kernbrennstoff Uran-238. Durch Brüten kann Uran-238 auch zu Plutonium-239 bzw. 241 sowie Thorium-232 zu Uran-233 reagieren, die ebenfalls als starke Kernbrennstoffe eingesetzt werden können.

Fotocredit: darkday, Lizenz: CC BY 2.0


Von

Helen Steiniger ist Referentin der Geschäftsführung bei Next Kraftwerke. Als Nachhaltigkeitswissenschaftlerin brennt sie für die Energiewende und setzt sich mit Leidenschaft für den Strommarkt der Zukunft ein.

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