Versorgungssicherheit: Das Ende der Pipeline II


Veröffentlicht am 15. Januar 2016

Das Ende der Pipeline Welche Rolle spielen Braunkohle, Steinkohle und Erdgas in der deutschen Energieversorgung? Und was bringen sie mit sich neben der Energie?

Letzte Woche haben wir uns bereits mit den Förder- und Lieferketten von Uran und Erdöl befasst und sind zu dem Schluss gekommen, dass uns diese beiden Energieträger unsere angebliche Versorgungssicherheit nur vorgaukeln. Oft wissen wir nicht einmal, wo die Energieträger überhaupt herkommen oder wir können sehr sicher sagen, dass sie aus Krisengebieten oder von wenig zuverlässigen Lieferanten stammen. So betrachtet sieht das eigentliche Verhältnis so aus:

Fossile Energieträger (–) → Versorgungssicherheit (+)

Heute schauen wir uns zum Abschluss der Serie noch Kohle und Erdgas etwas genauer an.

Kohle

Kohle stellt bis heute weltweit den größten Anteil an der Stromerzeugung: Im Jahr 2013 lag er bei 40,4 %. Beim globalen Primärenergieverbrauch lag der Anteil der Kohle 2013 bei gut 30 % und damit auf dem zweiten Platz hinter Erdöl – Steinkohle leistet dabei den weitaus größten Beitrag zur Energiegewinnung. Beim deutschen Primärenergieverbrauch halten sich Stein- und Braunkohle mit 13,1 % und 12 % ungefähr die Waage.

Über Millionen von Jahren entwickelt sich durch den Inkohlungsprozess abgestorbenes organisches Material über Torf zu weicher Braunkohle, dann zu Steinkohle, Anthrazit und schließlich zu Graphit. Je weiter der Inkohlungsprozess vorangeschritten ist, desto niedriger wird der Wasseranteil in der Kohle und desto höher liegen Kohlenstoffanteil und Brennwert. Einfach gesagt lässt sich mit einem Kilogramm Steinkohle mehr Strom und Wärme gewinnen als mit einem Kilogramm Braunkohle. Aus diesem Grund werden Braunkohlekraftwerke in der Regel in Braunkohleabbaugebieten errichtet, weil lange Transportwege sich bei ihrem Brennwert von 10-21 Megajoule pro Kilogramm (MJ/kg) nicht lohnen würden. Steinkohle hingegen hat einen Brennwert von ca. 30 MJ/kg, sodass hier auch lange Transportwege wirtschaftlich sein können. Das ist einer der Gründe dafür, dass in Deutschland bis heute gut 87 % des Steinkohle-Bedarfs importiert werden. Hierzulande wird zwar auch Braunkohle importiert, jedoch werden diese Mengen durch den Export überkompensiert. Im Jahr 2013 wurden nur 71.000 Tonnen Braunkohle importiert und 1,3 Millionen Tonnen überwiegend in EU-Nachbarländer exportiert.

Steinkohle

Im Vergleich zu den relativ niedrigen Werten für Braunkohle führte Deutschland im Jahr 2013 stolze 50,6 Millionen Tonnen Steinkohle ein. Die führenden Steinkohlelieferanten waren:

  • Russland: 24,7 %
  • USA: 23,7 %
  • Kolumbien: 19,8 %
  • Polen: 6,7 %

Die RAG Deutsche Steinkohle AG (RAG) betreibt die letzten aktiven deutschen Steinkohlebergwerke Prosper-Haniel und Ibbenbüren – beide stehen in NRW. Die Zeche Auguste Victoria wurde erst kürzlich am 18.12.2015 geschlossen. Die Schließung der anderen beiden Zechen ist für das Jahr 2018 geplant, wenn die deutsche Steinkohlesubventionierung auslaufen soll. Derzeit wird die deutsche Steinkohleförderung mit ca. 1,1 Milliarden Euro jährlich subventioniert, damit sie wirtschaftlich betrieben werden kann – und erhält damit die fünfthöchsten direkten Finanzhilfen des Bundes überhaupt. Mit dem Ende der finanziellen Unterstützung der Steinkohle im Jahr 2018 müsste Deutschland also 100 % seines Steinkohlebedarfs importieren.

Zusätzlich zu den Treibhausgasen, die bei der Verbrennung der Steinkohle zur Stromgewinnung freigesetzt werden und den Klimawandel antreiben, ist schon der Abbau der Steinkohle mit Umweltschäden verbunden. Der Ausbau von Steinkohlebergwerken, die das Gestein untertage immer weiter abtragen, führt zu Flächenverbrauch und Bergschäden, da der Boden manchmal schlagartig, manchmal nach und nach absackt. Zusätzlich kann es gerade bei Steinkohle und Anthrazit zu Flözbränden kommen, die dadurch entstehen, dass sich die Kohle selbst entzündet, weil sie durch die unterirdischen Tunnel mit Sauerstoff versorgt wird. Durch solche Brände gelangen natürlich weitere Treibhausgase in die Atmosphäre, ohne dass dabei nutzbare Energie gewonnen wird. Als weiteres Nebenprodukt entsteht bei Flözbränden häufig giftiges Kohlenmonoxid, das die Bergleute über die gewöhnlichen Gefahren des Bergbaus hinaus zusätzlich gefährdet.

Braunkohle

Es gibt weltweit 37 Länder, die Braunkohle fördern. Davon gibt es 11 Hauptförderländer, die 83 % der gesamten Braunkohleförderung ausmachen. Die größten Fördermengen stammten im Jahr 2014 aus:

  • Deutschland: 17,4 %
  • China: 14,2 %
  • USA: 7 %

Obwohl die Fördermengen im letzten Jahr bereits verringert wurden, fördert Deutschland noch vor China weltweit die größten Mengen an Braunkohle – der Großteil davon kommt bis heute von RWE. Der größte Vorteil der heimischen Braunkohlenutzung ist, dass sie unabhängig von Energieimporten ist. Gleichzeitig ist die Braunkohle aber auch der dreckigste und klimaschädlichste Primärenergieträger mit einem relativ geringen Brennwert. Die mit ihr verbundenen Emissionen von giftigem Quecksilber, Feinstaub, Dioxin, Schwefeldioxid und Flugasche in die Umwelt wurden in den vergangenen Jahrzehnten zwar durch die Einführung von Elektrofiltern und Rauchgasentschwefelung reduziert, können aber nicht auf null gebracht werden. Für jede produzierte Kilowattstunde Strom stößt ein Braunkohlekraftwerk durchschnittlich gut 1 kg CO2 aus. Damit deckt die Braunkohle allein 50 % des gesamten CO2-Ausstoßes, der bei der Stromerzeugung anfällt, aber nur ungefähr 25 % der deutschen Stromversorgung.

Erdgas

Im Jahr 2014 kam das in Deutschland zur Wärme- und Stromproduktion verwandte Erdgas hauptsächlich aus folgenden Herkunftsländern:

  • Russland: 38 %
  • Niederlande: 26 %
  • Norwegen: 22 %
  • Deutschland: 10 %

Ein Großteil der russischen Gasexporte fließt nach wie vor durch Pipelines, die über die Ukraine führen. Die anhaltende Krise auf der Krim und die in der Folge verhängten Sanktionen der EU und der USA gegen Russland belasten das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland, was sich in der Vergangenheit bereits auf die Öl- und Gasimporte aus Russland ausgewirkt hat. Dieser Konflikt stülpt sich über das ohnehin schwierige Verhältnis zwischen der Ukraine und Russland, das sich in den letzten zehn Jahren unter anderem im regelmäßig aufflammenden russisch-ukrainischen Gasstreit gezeigt hat. Die Einschränkung von Gaslieferungen in die Ukraine bekamen mehrfach auch Deutschland und andere EU-Staaten zu spüren, indem geplante Gaslieferungen nicht in vollem Umfang ankamen und außerdem der Gaspreis anstieg. Der Plan, Gaslieferungen durch die Ukraine nach Deutschland zu reduzieren, indem die Kapazität der Nord-Stream-Pipeline für 10 Milliarden Euro verdoppelt wird, ist oft angekündigt und im Zuge diplomatischer Schwierigkeiten zwischen Russland und der EU wieder zurückgenommen worden. Sollte dieses Projekt dennoch bis 2020 abgeschlossen werden, hingen Deutschlands Gasimporte zwar nicht mehr an russischen Gassanktionen der Ukraine gegenüber. Deutschland und andere EU-Staaten wären aber weiterhin darauf angewiesen, dass Russland seine Gaslieferungen nicht einschränkt oder die Preise drastisch erhöht.

Resümee

Auch über Erdgaslieferungen hinaus ist Deutschland beim Import von fossilen Energieträgern mit 36,3 % der Ölimporte und 24,7 % der Steinkohleimporte stark von Russland abhängig. Auf Grund seiner Position am Anfang der Pipeline hat Russland in der Belieferung eine wirtschaftliche Machtstellung gegenüber Deutschland und Europa. Die aktuellen diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen der deutschen und der russischen Regierung erhöhen daneben auch die politische Unsicherheit der Lieferung dieser fossilen Energieträger. Aber auch die heimische Braunkohle bringt ihre Tücken und Unsicherheiten mit sich. Am 22.12.2015 hat sich dies in Bergheim gezeigt, wo ein Erdbeben der Stärke 2,4 durch den angrenzenden Braunkohletagebau verursacht wurde. Da im Tagebau laufend Grundwasser abgepumpt werden muss, sackte der Boden ab und löste Erdstöße aus. Für die enstandenen Schäden an ca. 30 Häusern muss nun Betreiber RWE aufkommen.
Und bei all dem haben wir einen der wichtigsten Punkte bisher nur am Rand erwähnt: Nämlich, dass die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen den Klimawandel immer weiter vorantreibt – eine Tatsache, die mittlerweile so eindeutig belegt ist, dass wir hoffen, diese Grundsatzdiskussion so langsam beenden zu können.

Diese Argumente werfen einige unangenehme Fragen auf: Was bedeutet es eigentlich für uns, am Ende der Pipeline zu sitzen? Was passiert, wenn die Importe fossiler Energieträger aus welchen Gründen auch immer nicht mehr bei uns ankommen? Oder noch viel teurer werden als heute? Wie viel Umweltzerstörung bei uns zu Hause und anderswo wollen wir zulassen, um weiter dreckigen Strom verbrauchen zu können? Welche sicherheitspolitischen und diplomatischen Auswirkungen hat die starke Abhängigkeit Deutschlands von Energieimporten? Kurzum: Wie viel ist es uns wert, unabhängig vom Abbau und Import fossiler Brennstoffe zu werden? Eigentlich ist es keine Frage, dass wir genau diese Unabhängigkeit erreichen müssen. Aber der Weg dorthin erfordert Veränderungen: Im Stromnetz, bei den Anlagen selbst und im Stromverbrauch. Und diese Veränderungen werden weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinne umsonst sein! Denn in ein paar Jahrzehnten bringen sie uns eine nie da gewesene Unabhängigkeit, die unsere Versorgungssicherheit deutlich erhöhen wird. Dann können wir endlich sagen, dass das Ende der Pipeline erreicht ist. Und das alles mit Energiewende.

Fotocredit: darkday, Lizenz: CC BY 2.0


Von

Helen Steiniger ist Referentin der Geschäftsführung bei Next Kraftwerke. Als Nachhaltigkeitswissenschaftlerin brennt sie für die Energiewende und setzt sich mit Leidenschaft für den Strommarkt der Zukunft ein.

Kommentare
Raphael R:: (22.06.16)
Sehr interessanter Artikel mit vielen neuen Erkenntnissen obwohl ich auf dem Gebiet eigentlich recht belesen bin. Vielen Dank!
Timo: (05.03.16)
Das Problem ist, solange nicht der letzte Tropfen Öl verbraucht, die letzte Kohle verbrannt, und das letzte bisschen Gas entzündet ist, wird unsere Gesellschaft sich nicht von fossilen Brennstoffen lösen können. Da steckt einfach eine zu große Industrie hinter. Man muss ja nur mal auf die Elektro-Autos schauen...

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