Was ist die 6-Stunden-Regel?

Definition

Im EEG 2017 wurde in § 51 die sogenannte „6-Stunden-Regel“ (auch "6-Stunden-Regelung") festgeschrieben. Diese besagt, dass die Förderung insbesondere größerer EEG-geförderter Anlagen zur Erzeugung von Strom aus Erneuerbaren Energien im Marktprämienmodell ausgesetzt wird, wenn der Börsenstrompreis im Day-Ahead-Handel der Strombörse im Verlauf von sechs Stunden oder mehr negativ ist (negative Strompreise). Tritt dieser Fall ein, erhalten die Anlagen rückwirkend ab der ersten Stunde mit negativen Strompreisen keine Marktprämie mehr. Bereits im EEG 2014 wurde diese Regelung in § 24 eingeführt, im EEG 2017 finden sich die entsprechenden Regelungen nun im § 51.

Wann kommt die 6-Stunden Regel zur Anwendung?

Die 6-Stunden-Regel gilt für alle EEG-Anlagen, die nicht unter die Ausnahmeregelungen im folgenden Abschnitt fallen. Speist eine Anlage während einer Negativpreisphase Strom ins Netz ein, muss der Anlagenbetreiber dem Netzbetreiber bei der Übermittlung seiner Daten nach § 71 EEG 2017 die Strommenge mitteilen, die für den fraglichen Zeitraum eingespeist hat. Kommt er dieser Verpflichtung nicht nach, verringert sich der Förderungsanspruch für den Monat, in dem die Phase der negativen Strompreise ganz oder teilweise liegt, um fünf Prozent pro Kalendertag.

Von der 6-Stunden-Regel ausgenommene Anlagentypen

Nach § 51 EEG 2017 gilt die 6-Stunden-Regel nicht für die folgenden Anlagen:

  • Windenergieanlagen mit einer installierten Leistung von weniger als 3 MW unter Anwendung § 24 Abs. 1 EEG 2017, nach dem mehrere Anlagen rechtlich als eine Anlage zu betrachten sind, wenn sie sich auf „demselben Grundstück, demselben Gebäude, demselben Betriebsgelände oder sonst in unmittelbarer räumlicher Nähe befinden und innerhalb von 12 Monaten in Betrieb genommen wurden.“
  • Alle sonstigen Anlagen mit einer installierten Leistung von weniger als 500 kW: Hier kommt ebenfalls der § 24 Abs. 1 zur Anwendung, so beispielsweise bei mehreren BHKWs einer Biogasanlage.
  • Pilotwindenergieanlagen an Land und auf See nach § 3 Nummer 6 des Windenergie-auf-See-Gesetzes.

Praktische Anwendung und Kontroverse um die 6-Stunden-Regel

Ein Beispiel zur 6-Stunden-Regel

Gegen Mitternacht eines Tages kommen starke Windböen auf, so dass die deutschen Windkrafträder sehr viel Strom bei geringer Nachfrage produzieren. Unflexible Atom- und Kohlekraftwerke drosseln ihre Produktion nicht rechtzeitig, sodass so viel Strom im Markt ist, dass keiner ihn mehr abnehmen kann und möchte: Die Preise an der Strombörse unterschreiten die Nullmarke und rutschen in den negativen Bereich. Diese Situation bleibt bis zum tageszeitüblichen Anstieg der Stromnachfrage um 8 Uhr morgens bestehen. Alle EEG-Anlagen, die zur fraglichen Zeit eingespeist haben, erhalten nun nachträglich keine Marktprämie für den Zeitraum von 0 bis 8 Uhr morgens.

Die Auswirkungen der 6-Stunden-Regel für die Erneuerbaren Energien

Mit der 6-Stunden-Regel fließen die negativen Preise auch in die Berechnung des durchschnittlichen Monatsmarktwerts von EE-Anlagen ein, auf dessen Basis die Marktprämie für Bestandsanlagen nach EEG 2014 und früher kalkuliert wird. Sinkt der Monatsmarktwert, beispielsweise weil es im betreffenden Monat negative Preise gab, steigt die Marktprämie an. Diese wird den Betreibern jedoch nicht ausgezahlt, da die Betreiber ja für die entsprechenden Zeiten mit negativen Preisen keine Marktprämie erhalten.

Am Ende tragen die Anlagenbetreiber und ihre Direktvermarkter mit der 6-Stunden-Regel also ein höheres Preisrisiko, welches auch durch Studien bestätigt wird. Wie eine Studie von Energy Brainpool von 2014 prognostiziert, wird die Wahrscheinlichkeit für negative Börsenpreise in den kommenden Jahren eher zunehmen. Ausgehend von unserem Datenmaterial, siehe unten, können wir diese Tendenz zumindest für die Jahre 2016 und 2017 bestätigen.

Fossile Energieträger tragen Hauptanteil der "preisunelastischen Erzeugungsleistung"

In ihrem Bericht über die Mindesterzeugungsleistung 2019 hat die Bundesnetzagentur präzise fossile Energieträger als Hauptverantwortliche für negative Strompreise benannt: Die sogenannte "preisunelastische Erzeugungsleistung", mit anderen Worten die Menge des aufgrund mangelnder Flexibilität der Großkraftwerke trotz negativer Strompreise erzeugten Stroms, betrug bei den untersuchten elf Negativpreiszeiträumen 18.400 bis 24.300 MW. Dieser zuviel eingespeiste Strom ginge zu "zwischen 71 und 86 Prozent auf die Energieträger Kernenergie, Braun- und Steinkohle sowie Erdgas zurück."

Vor allem der fehlenden Flexibilität der fossilen Kraftwerke sei daher die Höhe des "konventionellen Sockels" anzulasten - nicht etwa der der sogenannten Mindesterzeugung. Diese muss, aufgrund der Notwendigkeit zur Erbringung von Systemdienstleistungen wie Regelenergie und Redispatch, in einer Größenordnung 4.145 und 8.625 MW ständig erbracht werden. Als Ausweg aus diesem Problem hat die Bundesnetzagentur eine klare Empfehlung: Mehr Flexibilität - unter anderem durch eine Erhöhung des Anteils von Anlagen zur Erzeugung von Strom aus Erneuerbaren Energien am Regelenergiemarkt.

Studie bestätigt erhöhte Belastungen für Windenergie

Wie ein Whitepaper von Energy Brainpool aus dem November 2017 analysiert, wirkt sich die 6-Stunden-Regel zunehmend stärker auf die Erlöse von Windenergieparks aus. Laut der Analyse reduzieren sich die Erlöse aus Onshore-Windanlagen durch die Regelungen des § 51 EEG 2017 derzeit jährlich um 1,4 Prozent, Photovoltaikanlagen müssen auf 0,3 Prozent verzichten. Hochgerechnet auf den gesamten Förderungszeitraum von 20 Jahren bedeutet dies, konstante Verlustanteile angenommen, einen Gesamtverlust von 54.000 € pro installiertem MW bei Windenergieanlagen, Photovoltaikanlagen kommen auf ein Minus von 13.000 €.

Die Experten von Energy Brainpool empfehlen daher, die Sechs-Stunden-Regel als Risikofaktor bei der Planung von EE-Anlagen einzupreisen. Immerhin ist nach jetzigem Stand mit einem Verlust von rund drei Prozent der Investitionskosten bei Windenergieanlagen und etwa einem Prozent bei Photovoltaikanlagen zu rechnen.

Zeiten mit negativen Strompreisen und Inkrafttreten der 6-Stunden-Regel seit 2016

6-Stunden-Regel 2017, Sechs-Stunden-Regel 2017
Zeiten mit aktiver 6-Stunden-Regel 2017

Tabellen zu den Zeiträumen mit aktiver 6-Stunden-Regel

Zeiten mit aktiver 6-Stunden-Regel 2016

2016aktiv?Anzahl StundenDatumUhrzeit
Januarnein---
Februarnein---
Märzja628.03.201612-18 Uhr
Aprilnein---
Maija708.05.201611-18 Uhr
  822.05.201609-17 Uhr
Juninein---
Julinein---
Augustnein---
Septembernein---
Oktobernein---
Novemberja720.11.201610-17 Uhr
Dezemberja124.12.201623-24 Uhr
  825.12.201600-08 Uhr
  1 23-24 Uhr
  926.12.201601-10 Uhr
  1 23-24 Uhr
  727.12.201600-07 Uhr
2016 gesamt 55 

Zeiten mit aktiver 6-Stunden-Regel 2017

2017aktiv?Anzahl StundenDatumUhrzeit
Januarnein---
Februarnein-- 
Märznein-- 
Aprilja830.04.201711-19 Uhr
  2 22-24 Uhr
Maija1701.05.201700-17 Uhr
Juninein---
Julija730.07.201710-17 Uhr
Augustnein---
Septembernein---
Oktoberja328.10.201721-24 Uhr
  1729.10.201700-17 Uhr
November    
Dezember323.12.201721-0 Uhr
824.12.20170-8 Uhr
  825.12.20170-8 Uhr
  626.12.20172-9 Uhr
  626.12.201710-16 Uhr
631.12.201723-0 Uhr
2017 gesamt 86 

Zeiten mit aktiver 6-Stunden-Regel 2018

2018aktivAnzahl StundenDatumUhrzeit
Januarja1501.01.20180-15 Uhr
 ja115.01.201823-1 Uhr
 ja516.01.20180-5 Uhr
 ja629.01.2018 
Februarnein-- 
Märzja117.03.2018 
 ja1118.03.2018 
Aprilnein-- 
Maija1801.05.20180-18 Uhr
Juninein-- 
Julinein-- 
Augustnein-- 
Septembernein-- 
Oktobernein-- 
Novembernein-- 
Dezemberja909.12.20180-9 Uhr

2018 gesamt (vorläufig)
 


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In den obenstehenden Tabellen finden Sie für jedes Datum, an dem die 6-Stunden-Regel einmal oder mehrfach in Kraft trat, die Dauer und Uhrzeitangaben für den Geltungszeitraum des § 51 EEG 2017. Die Angaben stammen von netztransparenz.de, dem Informationsportal der deutschen Übertragungsnetzbetreiber. Zur Datenquelle...

Kontroverse Diskussion über die 6-Stunden-Regel

Befürworter der 6-Stunden-Regel argumentieren, dass sie gerecht sei, weil mit ihr EEG-geförderte Anlagen am Risiko von negativen Börsenpreisen beteiligt würden. Ausgangspunkt der Argumentation ist, dass die volatilen Energieträger Wind und Sonne Verursacher der negativen Börsenpreise seien, beispielsweise wenn es außergewöhnlich sonnig und/oder windig sei.

Intraday-Preisverlauf hohe Windeinspeisung negative Strompreise
Preisverlauf am Intraday-Markt bei hoher Windenergieeinspeisung und negativen Börsenpreisen (Beispiel: 11. April 2014)
Verlauf von Strompreisen im Intraday-Handel an der Strombörse EPEX
Ein typischer Tag am Intraday-Markt ohne negative Börsenpreise. (Beispiel: 25. April 2015)

Gegner der 6-Stunden-Regelung kommen jedoch zu dem Ergebnis, dass nicht die fluktuierenden Erneuerbaren Energien die Ursache für negative Preise sind, sondern das derzeitige Strommarktdesign: Erneuerbare Energien aus Wind und Sonne haben die niedrigsten Grenzkosten im Markt – sie können beinahe ohne zusätzliche Kosten Strom produzieren.

Befindet sich nun zu viel Strom aus Wind und Sonne im Netz, sollten, ökonomisch wie ökologisch folgerichtig, eigentlich teurere und umweltschädlichere Kohle-, Atom- und Gaskraftwerke gedrosselt werden. Dies geschieht jedoch in der breiten Masse nicht – die ungebremste Stromproduktion der konventionellen Kraftwerke treibt den Strombörsenpreis ins Negative.

So betrachtet sollten eigentlich unflexible konventionelle Kraftwerke, nicht die Erneuerbaren Energien mit Regelungen wie der 6-Stunden-Regel dazu angehalten werden, keinen überschüssigen Strom ins Netz einzuspeisen und damit in Zeiten negativer Preise unnötig Strom aus fossilen, klimaschädlichen Ressourcen zu produzieren.

Lesetipp: Auf den Seiten der Organisation Agora Energiewende finde Sie eine Publikation zu Ursachen und Wirkungen negativer Strompreise. Auch hat Spiegel Online über das Phänomen berichtet.
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Wir in unserem Virtuellen Kraftwerk sind über die verpflichtende Fernsteuerung in der Lage, Anlagen während Zeiten mit negativen Strompreisen vom Netz zu nehmen, um negative Strompreise zu vermeiden und der negativen Marktentwicklung entgegenzuwirken. Ein Beispiel: In der Festpreisvergütung kostet eine Kilowattstunde im Durchschnitt 9 Cent; wir werden aber nicht bei einem Preis von -0,2 Cent die Einspeisung stoppen – wohl aber, wenn die -9 Cent-Marke durchbrochen wird.