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von Next Kraftwerke / 17 August 2022
Sören Sönkens vor einer Biogasanlage

„Wer immer Volllast fahren will, ist wie ein Kohlekraftwerk“

Immer mehr Biogasanlagenbetreiber stellen ihre Stromerzeugung auf eine preisorientierte und somit bedarfsorientierte Produktion um – sie erzeugen Strom vermehrt dann, wenn er hochpreisig ist und fahren ihre BHKWs herunter, wenn er nicht stark nachgefragt wird. Im Interview mit Sören Sönksen, kaufmännischem Betriebsleiter der Biogashof Petersen GmbH & Co. KG, sprechen wir seine Erfahrungen mit dem Intraday-Fahrplanbetrieb einer Biogasanlage.

Next Kraftwerke: Herr Sönksen, Sie sind kaufmännischer Betriebsleiter einer hochflexibilisierten Biogasanlage, die sich mit ihrer Stromproduktion an den Preisen des Intraday-Handels an der Spotbörse orientiert. Was sind die technischen Rahmenbedingungen der Anlage?

Sören Sönksen : Bauseitig hatten wir ursprünglich eine ganz „normale“ Biogasanlage mit 500 kW Motorleistung und einem Satelliten-BHKW mit zusätzlichen 250 kW. In 2019 haben wir die Anlage dann Schritt für Schritt umgebaut, hin zu einer flexiblen Anlage. Mithilfe der Flexibilitätsprämie haben wir am Hauptstandort mittlerweile eine motorseitige vierfache Überbauung umgesetzt, also ein zusätzliches Aggregat mit 1,5 MW angeschafft. Da wir die umliegenden Höfe – und unseren eigenen - mit Wärme versorgen, haben wir ebenfalls in einen Wärmespeicher mit 500m3 investiert, um auch in den Zeiten Wärme liefern zu können, in denen das BHKW stillsteht.

Next Kraftwerke: Wie sieht es mit der Gasspeicherkapazität der Anlage aus?

Sören Sönksen: Hier haben wir uns gegen einen externen Gasspeicher entschieden, da der Raum unter den Tragluftdächern von Fermenter, Nachgärer und Gärrestelager ausreicht, um einen flexiblen Anlagenfahrplan umzusetzen. Unter den drei Dächern können wir insgesamt rund 6.000 m3 für die spätere Verstromung zwischenspeichern.

Next Kraftwerke: Wie lief der Umstieg von einer grundlastorientierten Fahrweise der Biogasanlage auf eine flexible Fahrweise?

Sören Sönksen: Am Anfang waren wir schon ein bisschen nervös, als wir auf den Fahrplanbetrieb umgestellt haben, sowohl aus technischer als auch aus kaufmännischer Sicht. Nach einigen Wochen und Monaten zeigte sich jedoch, dass die Mehrarbeit für uns einfach zu bewerkstelligen war. Und es gibt sogar Vorteile, die wir vorher nicht einkalkuliert hatten und die uns an anderer Stelle entlasten. Da wir nachts nur noch sehr selten die BHKWs fahren, entstehen auch keine nächtlichen Motorstörungen mehr. Das gleiche gilt für nächtliche Fütterungsstörungen, da man diese tagsüber nachholen kann. Das macht den Alltag entspannter als im vorherigen 24/7-Betrieb, weil wir nachts nicht mehr auf die Anlage fahren müssen.

Next Kraftwerke: Wie läuft die spotpreisorientierte Stromproduktion bei Ihnen im Alltag ab?

Sören Sönksen: Wir erhalten über die App täglich die aktuellen Strompreisprognosen für jede Viertelstunde und haben einen Standard-Fahrplan hinterlegt. Diesen passen wir täglich selbst an. Anschließend schaltet Next Kraftwerke die BHKWs über eine Fernsteuerung auf die von uns eingestellten Zeiten. Die App ist verdammt gut und funktioniert einwandfrei.

Next Kraftwerke: Warum ändern Sie den Fahrplan denn noch einmal selbst ab?

Sören Sönksen: Wir haben da unsere eigenen Strategien und auch einen gewissen Ehrgeiz entwickelt (lacht). Die Intraday-Preisprognosen aus der App passen meist sehr gut, unsere Anpassungen gehen vor allem dahin, abhängig von den Gegebenheiten auf dem Hof, möglichst lukrative Blöcke zu bilden, während derer wir Strom produzieren. Wir setzen nicht auf eine Intraday-Fahrweise mit vermehrten Schaltzyklen. Wir nutzen die Intraday-Preise in der App lediglich, um die Blöcke unserer Stromproduktion möglichst exakt und viertelstundengenau an den höchsten Spreads auszurichten.

Next Kraftwerke: Stichwort Schaltzyklen: Wie sehen diese bei Ihnen aus?

Sören Sönksen: Wir kommen unter der Woche mit zwei Starts am Tag aus, im Winter gelegentlich sogar mit nur einem. Am Wochenende haben wir das ganze Jahr über in der Regel nur einen Start. Montags bis freitags fahren wir im Schnitt 8 Stunden Volllast und 16 Stunden Nulllast, am Wochenende nur rund 4 Stunden Volllast. So kommen wir über das Jahr auf unsere 500kW Bemessungsleistung.

Next Kraftwerke: Müssen Sie bei diesen doch immer wieder recht langen Standzeiten eigentlich auch die Fütterung anpassen?

Sören Sönksen: Wir müssten nicht, aber wir haben inzwischen auch die Fütterung der Anlage flexibilisiert, um noch flexibler fahren zu können. Entgegen den Unkenrufen mancher Experten hat dies auch keine negativen Auswirkungen auf die Biologie im Fermenter mit sich gebracht. Wir haben überhaupt keine Probleme mit dem Gärprozess. Die Gasproduktion springt nach der erfolgten Fütterung der Anlage schnell an und liefert uns die zusätzlichen Mengen innerhalb weniger Stunden, manchmal sogar schneller, als wir selbst erhofft hatten.

Next Kraftwerke: Hat sich der Umstieg auf eine Fahrplanweise auch finanziell gelohnt?

Sören Sönksen: Als wir vor rund drei Jahren mit dem Fahrplanbetrieb begonnen haben, zeigte unsere Kalkulation einen Mehrerlös von 1.000 Euro pro Woche gegenüber einer Grundlastfahrweise an. Diesen Wert haben wir im Realbetrieb dann auch erreicht, wodurch unsere Investition in Material und Arbeit schon gerechtfertigt war. Seit 2021 sind die Strompreise und entsprechend auch die Spreads stark angestiegen, so dass wir über das Jahr gerechnet auf einen Mehrerlös von 2.500 Euro pro Woche kamen. Seit Dezember 2021 nun erreichen wir ein wöchentliches Plus von rund 6.000 Euro gegenüber einer 24/7-Fahrweise, inzwischen ist die Anlage aber auch vierfach überbaut. Jetzt werden wir für das Engagement und den Mut belohnt.

Next Kraftwerke: Wie denken Sie über die Rolle von Biogas im zukünftigen Strommix?

Sören Sönksen: Biogas ist eine teurere Technologie hinsichtlich ihrer Gestehungskosten und flächenintensiv im Verhältnis zu den Alternativen Windkraft und Photovoltaik. Daher liegt die Existenzberechtigung für Biogas in der enormen Flexibilität bei der Stromproduktion. Der Platz für Biogas am Markt ist die Spitzenlast. Wer immer Volllast fahren will, ist wie ein Kohlekraftwerk und wird spätestens ab der Laufzeitverlängerung für Biogasanlagen keinen Platz am Markt mehr haben.

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