Lastmanagement: Negative Preise als Chance für flexible Stromverbraucher

von Verena Dubois / 11. August 2021

Lastmanagement bei negativen Preise In den letzten Monaten traten vermehrt negative Preise an der Strombörse auf. Diese Entwicklung ist für flexible Großverbraucher wie unseren Kunden den Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung eine Chance, die Preise in der Strombeschaffung zu senken. Über die Trading-Plattform NEXTRA beobachtet das Unternehmen die Entwicklung der Marktpreise und kann diese im günstigen Moment fixieren. Im Interview schildert Christoph Drusenbaum, Ingenieur im Förder- und Aufbereitungsbetrieb des Zweckverbands, wie das Lastmanagement in der Praxis aussieht.

Verena Dubois: Welche Auswirkungen hatte die Häufung von negativen Preisen in den letzten Monaten auf die Kosten der Strombeschaffung für den Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung?

Christoph Drusenbaum: Für Verbraucher wie die Bodensee-Wasserversorgung mit der Möglichkeit zur flexiblen Stromnachfrage und zur Lastverschiebung erhöht sich hierdurch das Erlöspotential. Hierbei ist insbesondere der Tagesverlauf des Strompreises relevant. Starke Unterschiede innerhalb eines Tages können wir als Verbraucher durch eine flexible Stromnachfrage ausnutzen. In den vergangenen Wochen konnte der Unterschied innerhalb eines Tages in manchen Fällen über 100 €/MWh betragen. Unsere Rohwasserpumpen habe einen Leistungsbedarf von 8 bis 10 MW je nach Pumpe. Der Zeitpunkt der Zu- und Abschaltung eines solchen Verbrauchers macht sich bei solchen Preisschwankungen deutlich bemerkbar. Durch eine intelligente und vorausschauende Fahrweise können wir von niedrigen Strompreisen profitieren und leisten gleichzeitig einen kleinen Beitrag für das Gelingen der Energiewende.

Bodensee-Wasserversorgung nutzt negative Preise für Lastmanagement
Bodensee-Wasserversorgung nutzt negative Preise für Lastmanagement
Christoph Drusenbaum, Ingenieur im Förder- und Aufbereitungsbetrieb beim Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung, ist beim baden-württembergischen Fernwasserversorger unter anderem für die Energiebeschaffung verantwortlich. Der von ihm eingekaufte Strom speist die insgesamt 54 Megawatt an installierter Pumpleistung am Standort Sipplingen, welche durchschnittlich 356.000 Kubikmeter Rohwasser pro Tag aus dem Bodensee fördern.
Christoph Drusenbaum, Ingenieur im Förder- und Aufbereitungsbetrieb beim Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung, ist beim baden-württembergischen Fernwasserversorger unter anderem für die Energiebeschaffung verantwortlich. Der von ihm eingekaufte Strom speist die insgesamt 54 Megawatt an installierter Pumpleistung am Standort Sipplingen, welche durchschnittlich 356.000 Kubikmeter Rohwasser pro Tag aus dem Bodensee fördern.

Verena Dubois: Wie läuft das eigentlich in der Praxis ab, damit Sie von negativen Preisen profitieren können?

Christoph Drusenbaum: Wir nutzen unsere Trinkwasserspeicher als Energiespeicher. Trinkwasserspeicher dienen dazu, die Schwankungen zwischen den Abnehmern und dem Trinkwasserversorger auszugleichen sowie eine gewisse Reserve vorzuhalten, sodass die Versorgungssicherheit immer gewährleistet ist. Dies hat oberste Priorität für uns als Fernwasserversorger, der mehr als 4 Millionen Menschen in ganz Baden-Württemberg mit Trinkwasser versorgt. Dennoch schwankt der Behälterinhalt. An vielen Tagen im Jahr besteht somit die Möglichkeit, auch eine energiewirtschaftliche Bewirtschaftung der Behälter vorzunehmen. Zu Zeiten niedriger Strompreise fördern wir mehr Wasser als verbraucht wird und füllen unsere Speicher. Zu Zeiten hoher Strompreise wird die Wasserförderung reduziert und der Speicherfüllstand sinkt.
Wichtig beim Thema Lastverschiebung und flexibler Stromnachfrage ist der Aspekt, dass nur ein kleiner Teil unserer Stromkosten flexibel und vom Strombörsenpreis abhängig ist. Die ganzen Umlagen und Netzentgelte, die über 60 Prozent unserer Stromkosten ausmachen, sind starr. Hierdurch werden die Preissignale der Strombörse nur gedämpft an den Verbraucher weitergegeben und der Anreiz zur Lastverschiebung reduziert.

Verena Dubois: Hat sich dadurch das Einsatzprofil der Wasserpumpen strukturell geändert?

Christoph Drusenbaum: Ja, vor einigen Jahren hatten wir noch ein ausgeprägtes Tag-Nacht-Profil in unserem Stromverbrauch und der Wasserförderung. Dies war der Tatsache geschuldet, dass wir, wie in der Vergangenheit üblich, einen Hoch- und Niedertarife von unserem Energieversorgungsunternehmen erhielten, und die Fahrweise der Pumpen an diesem Tarif ausgerichtet wurde. Die aktuellen Entwicklungen an der Strombörse kamen bei uns als Endkunde nicht an. Erst durch die Umstellung unserer Stromlieferverträge ist es möglich, dass wir hier partizipieren und Zeiten niedriger Strompreise gezielt ausnutzen können.
Hierzu ist eine vorausschauende Fahrweise notwendig. Diese wird auch zukünftig für die Bodensee-Wasserversorgung immer mehr an Bedeutung gewinnen, da wir uns das Ziel gesetzt haben, ab 2022 unseren gesamten Stromverbrauch (ca. 165 GWh) klimaneutral zu gestalteten. Hierzu werden in den kommenden Jahren immer mehr eigene Photovoltaik-Anlagen und auch Power-Purchase-Agreements in das bestehende System integrieren. Diese werden zusätzliche Optionen und Anreize zur Lastverschiebung ermöglichen.

Unter den folgenden Links finden Sie weitere Informationen über die Trading-Plattform Nextra und den Zweckverbands Bodensee-Wasserversorgung

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Verena Dubois ist Redakteurin bei Next Kraftwerke und verantwortlich für unser Produktmarketing. Die Mission der Medienwissenschaftlerin: Komplexe Themen in spannende Inhalte verwandeln. In dieser Disziplin tobt sie sich für uns in Online- und Printmedien aus – und unterstützt uns dabei, neue Teilnehmer für das Virtuelle Kraftwerk zu begeistern.

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