The power of many

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Lesedauer: 4 min.
von Jochen Schwill / 29 Dezember 2022
Jochen Schwill nimmt Abschied von Next Kraftwerke

Irgendwas Neues oder: Wie schafft man eigentlich Innovation?

Auf meiner Abschiedsparty im schönen Köln-Ehrenfeld, von der hier sonst nur Schweigen an die Öffentlichkeit gelangen soll, fragte mich eine Kollegin, was ich denn nun machen werde. „Irgendwas Neues“, war meine Antwort, ganz ohne Schulterzucken, ganz ohne Fatalismus. „Ja, aber was denn?“, hakte sie nach. „Keine Ahnung“, gab ich zurück. Das Neue ist doch immer unbekannt, denke ich mir, und man muss sich ihm nur öffnen, dann kommt es schon.

Heute spricht man ja nicht mehr so viel vom Neuen, sondern von Disruption, von Innovation. Und auch wir bei Next Kraftwerke haben diverse Preise abgeräumt für unsere Innovationen, die im letzten Jahrzehnt tatsächlich den Strommarkt nachhaltig verändert haben. Meistens steht man dann als Gründer und Geschäftsführer auf der Bühne oder vor der Kamera, soll etwas Kluges sagen und ganz innovativ rüberkommen, bekommt feuchte Hände oder vielleicht sogar Augen, aber insgeheim denkt man sich manchmal: Ich habe hier keine Zeile Code geschrieben. Ich habe hier keine einzige Megawattstunde Strom gehandelt. Ich habe keine Algorithmen entwickelt und keine Abrechnungskonzepte, keine Anlagenfahrpläne und keine Fernsteuereinheiten. Das alles hat das beste Team der deutschen Energiewirtschaft auf die Beine gestellt. Und ich war mittendrin und durfte miterleben, wie unsere Vision Wirklichkeit wurde.

Okay, bevor das jetzt zu sehr nach tiefstapeln klingt: Natürlich habe ich in den letzten 13 Jahren auch tatkräftig mit angepackt und zu allererst musste die Idee ja auch mal auf die Straße gebracht werden. Zeit einmal zu reflektieren, wie das eigentlich alles klappen konnte. Wie es möglich war, aus einem 2-Mann-Start-up ein Unternehmen mit hunderten Kolleg_innen aufzubauen und heute als eines der größten Virtuellen Kraftwerke Europas rund 15.000 dezentrale Anlagen zu vernetzen. Was sind die Gründe für erfolgreiche Innovation ganz allgemein? Und was waren die „Geheimnisse des Erfolges“ für Next im speziellen?
 

Einfach anfangen

Inzwischen bin ich zutiefst davon überzeugt, dass die meisten Innovationen nicht an einer mangelhaften Idee kranken, sondern schlicht und einfach daran, dass niemand mit ihrer Umsetzung anfängt. Man muss loslegen, auch wenn man nicht weiß, wie es funktionieren wird, auch wenn man weiß, dass es dutzende Gründe gibt, warum es nicht funktionieren könnte. Hendrik und ich waren zwei Studenten mit einer Idee. Geld hatten wir keins, Kontakte in die Energiewirtschaft auch nicht. Nur den Enthusiasmus, das Ding auf die Beine zu stellen. Und dann glücklicherweise schon bald auch einige Mitstreiter_innen, die an unsere Idee geglaubt haben und gemeinsam mit uns etwas aufbauen wollten.

Schnell und agil sein

Meistens ist man nicht der Einzige, der eine gute Idee hat. Oft ist man sogar nicht mal der erste, der eine gute Idee hat – das Konzept des Virtuellen Kraftwerks gab es schon weit vor 2009, dem Jahr unserer Gründung. Nur hatte es bis dato keiner gebaut. Und nur der erste, der ein Virtuelles Kraftwerk baut, gilt als innovativ. Der zweite und dritte ist schon eine Copycat. Schnelligkeit und Agilität hat uns übrigens nicht nur beim Gründen geholfen, sondern auch dabei, uns immer wieder auf neue Situationen und Marktbedingungen einzustellen – und die Chancen am Kragen zu packen, wenn sie da waren.

Scheitern erwarten und weitermachen

Wie oben erwähnt, gibt es bei jeder Idee dutzende Gründe, warum sie scheitern könnte. Diesen Gründen ein großes „Trotzdem“ entgegenzusetzen ist zwar die Voraussetzung für Innovation, aber natürlich noch lange keine Garantie, dass alles so klappt, wie man es sich vorstellt. Unser Businessplan aus der Zeit der Gründung hat nicht allzuviel mit dem zu tun, was schließlich aus Next Kraftwerke wurde. Jeder Punkt, an dem wir zwischenzeitlich gescheitert sind, oder sagen wir doch lieber wachsen durften – am Markt, im Vertrieb, in der Technologie, an der Regulatorik – hat eine Kurskorrektur nach sich gezogen, an deren Ende heute ein Unternehmen steht, das sehr viel erreicht hat und noch weit davon entfernt ist, sich auf dem Erreichten auszuruhen. 

In die Idee investieren und wachsen

Unsicherheit ist das Signum von Startups, es ist der Begleitschatten der Innovation. Man ist daher ständig versucht, nicht „all in“ zu gehen, da man ja eben nicht weiß, ob es funktionieren wird. Doch das Absichern, Sparen, Auslagern ist nicht die richtige Antwort auf diesen Zustand. Wir haben zum Beispiel schon 2012 unseren eigenen Stromhandel aufgebaut und nicht mehr über Dritte gehandelt. Ein großes Wagnis, auch finanziell. Heute ist ein Next Kraftwerke ohne eigenen Stromhandel undenkbar. Genauso undenkbar übrigens wie ohne eigene IT Spezialisten_innen oder Techniker_innen, die unsere Systeme betreuen und weiterentwickeln. Und die vielen Menschen, die bei Next neue Projekte vorantreiben oder auch das Gewachsene pflegen und jeden Tag mit Leben füllen. Womit wir beim nächsten Punkt wären.

Nicht in Hierarchien denken

Es ist völlig egal, wer eine gute Idee, einen neuen Lösungsansatz hat. Wenn die Idee gut ist, wird sie ausprobiert. Warum sollte ich als Geschäftsführer mehr Ahnung vom Intraday-Handel haben als ein neues Teammitglied, das wir vor einigen Monaten dazu eingestellt haben? Das ist der Vibe, der von Anfang an bei Next spürbar war, und noch bis heute dafür sorgt, dass das Team offen bleibt, schnell und agil Neues adaptieren kann. Und gleichzeitig eine Haltung dank derer die Menschen im Team spüren, dass sie nicht nur ein Rädchen im Getriebe sind, sondern wirklich etwas bewegen können.

 

The Power of Many

Last, but absolutely not least, einer der wichtigsten Faktoren, wenn wir auf den Erfolg von Next im speziellen zu sprechen kommen: Von Anfang an basierte das Virtuelle Kraftwerk auf der Idee der Vernetzung, der Idee von „the Power of Many“. Nur indem wir viele, sehr viele Betreibende von Erneuerbaren Energien davon überzeugen konnten, uns Ihre Anlagen anzuvertrauen, war es möglich, eines der größten Virtuellen Kraftwerke Europas aufzubauen und den konventionellen Kraftwerken etwas entgegenzusetzen. Und ich korrigiere mich: Hier geht es natürlich nicht um den Erfolg von Next, sondern das Gelingen der Energiewende, deren Teil das Unternehmen sein darf. Mit der geballten „Power of Many“.

Innovation ist also keine Idee, sondern eine gelebte Kultur. Und wenn diese Kultur in einer Organisation herrscht, entsteht Innovation oft von ganz alleine, treibt sich selbst weiter voran. Daher bin ich überzeugt, dass Next Kraftwerke auch in den nächsten Jahren weiterhin so innovativ sein wird wie in der Vergangenheit. Und so werde ich weiter zuschauen. Diesmal nicht mehr mittendrin, sondern aus etwas mehr Entfernung – aber selbstverständlich mit der gleichen Begeisterung und Neugierde auf das, was Next Kraftwerke in den nächsten Jahren bewegen wird.

Jochen Schwill is one of the founders of Next Kraftwerke.

Jochen Schwill

Founder Next Kraftwerke