Next Stop: Indien

Der indische Strommarkt: Next Kraftwerke in Indien Unsere neue Blogserie berichtet von den Strommärkten der Welt. Unser nächster Stop ist Indien – Ravi Vaidya schreibt seine Masterarbeit über nicht-europäische Flexibilitätsmärkte im Team Innovation & Development bei Next Kraftwerke. Zusammen mit Jonas Simon, der gerade von einer Geschäftsreise aus Indien zurückgekommen ist, diskutieren sie über den indischen Energiemarkt.

Kerstin Eiwen: Was ist das Besondere am indischen Energiemarkt?

Jonas Simon: Der Energiebedarf Indiens ist in den letzten Jahren enorm gestiegen. Dennoch haben immer noch rund 15 Prozent der Landbevölkerung keinen Zugang zu Energie - vor 10 Jahren war die Zahl mit 25 Prozent noch viel höher. Die steigende Nachfrage stellt den indischen Energiemarkt vor große Herausforderungen und bisher hat nicht jedes Dorf einen 24-Stunden-Zugang zum Stromnetz; Stromausfälle treten täglich auf.

Ravi Vaidya: Der indische Energiemarkt ist sehr komplex. Indien besteht aus 29 Staaten und jeder Staat hat seinen eigenen Übertragungsnetzbetreiber und kann selbst eigene Regeln aufstellen. Darüber hinaus entscheidet jedes Land über individuelle Ziele, Preise und Ausgleichsmechanismen für erneuerbare Energien. Auf nationaler Ebene gibt es eine nationale Instanz, die das Bilanzkreismanagement für alle Bilanzkreise überwacht. Die Systemdienstleistungen werden zentral kontrolliert, aber ihre Preise und Regeln werden von den einzelnen Staaten festgelegt. Seit 2003 ist der Markt „unbundled“ (Stromnetz und Stromproduktion sind getrennt, Anm. der Red.). Das klingt nach einer chaotischen Mischung aus zentralisierten und staatlichen Regelungen. Es gibt jedoch eine nationale Institution, die Central Electricity Regulatory Commission, die die Entwicklung zentral steuert - vergleichbar mit den Beziehungen der Europäischen Union und ihrer Mitgliedsstaaten.

Jonas Simon: Der Strommarkt in Indien ist sowohl marktwirtschaftlich als auch staatlich organsiert: Systemdienstleistungen und Stromnetz sind vorwiegend staatlich reguliert, gleiches gilt auch für die Endverbrauchertarife. Der Markt für die Stromerzeugung ist hingegen offen für private Unternehmen, auch werden einige Teilstromnetze privat betrieben. Auf dem Weg zu einem deregulierten Markt der Zukunft hat die Central Electricity Regulatory Commission 2018 ein Draft Paper veröffentlicht. Hierfür schaut Indien auch auf Deutschland und die USA und deren Energiemarkt-Design.

Kerstin Eiwen: Wie sieht das indische Marktdesign aus? Gibt es Strombörsen, Intraday- und Day-Ahead-Märkte?

Ravi Vaidya: Nach der Liberalisierung des Energiemarktes im Jahr 2003 wurden 2006 zwei Börsen geöffnet, die India Energy Exchange und die Power Exchange India Limited, die den Wettbewerb gewährleisten. An beiden Börsen gibt es einen Intraday- und Day-Ahead-Markt. Es gibt auch einen Markt für Zertifikate für erneuerbare Energien, die gekauft werden können, wenn ein Stromproduzent Energie nicht an die Regierung im Rahmen des festen PPA-Vertrags, sondern an private Akteure verkauft.

Jonas Simon: Diese Zertifikate sind ähnlich wie die Herkunftsnachweise in Deutschland.

Kerstin Eiwen: Gibt es einen Markt für Regelenergie?

Ravi Vaidya: Ja, aber er ist streng reguliert. Alle Erzeuger mit regulierten Tarifen müssen eine Reserve vorhalten, der Markt ist für private Anbieter nicht offen. Pumpspeicherkraftwerke wurden speziell für diesen Zweck gebaut.

Kerstin Eiwen: Wie sieht der Energiemix aus? Welche Energiequellen gibt es in der Zukunft und wie werden sie gefördert?

Ravi Vaidya: Indien ist der viertgrößte Windkraftproduzent der Welt - nach China, den USA und Deutschland. Derzeit wird der indische Energiemarkt mit rund 35 GW von Windkraft dominiert, gefolgt von Solar mit rund 25 GW. Das Ziel für die Solarenergie wurde sogar von 20.000 MW auf 100.000 MW bis 2022 angehoben, da das ursprüngliche Ziel bereits 2018 übertroffen wurde. Große Wasserkraftwerke werden nicht als Teil von Anlagen für erneuerbare Energien betrachtet. Übrigens war Indien das erste Land, das ein Ministerium für erneuerbare Energien gründete: Bereits 1982 wurde das Ministry of New and Renewable Energy (MNRE) eingeführt.

Kerstin Eiwen: Welchen Herausforderungen muss sich der indische Energiemarkt stellen?

Ravi Vaidya: Das indische Netz hat sich in den letzten Jahren stark erweitert: Es gibt jetzt Zugang zu elekrischer Energie für alle, bis zum kleinsten Dorf. Infolgedessen explodierte der Energiebedarf und wurde vor allem durch neue Kohlekraftwerke und Großinvestitionen in Photovoltaik gedeckt. Das nationale Ziel ist es, bis 2022 insgesamt 100 Gigawatt an Photovoltaik installiert zu haben. Dies bringt natürlich Herausforderungen mit sich, insbesondere eine wachsende Volatilität im Netz. Die Regierung drängt auf einen stärker liberalisierten Stromhandel auf dem kurzfristigen Energiemarkt und hat einen Ausgleichspreismechanismus gestartet.

Jonas Simon: Das schnelle Wachstum ist einer der Gründe, warum der indische Markt für Virtuelle Kraftwerke interessant ist. Ich habe kürzlich am Energy Innovation Summit in der Hauptstadt von Andhra Pradesh teilgenommen, der sich an Netzbetreiber und internationale Akteure richtete. Ich nahm an dem Panel zum Thema Grid Upgradation teil und diskutierte dort, welche Rolle VPPs im indischen Strommarkt spielen können. Der Markt verändert sich im Moment, damit einher geht eine gewisse Offenheit für Innovationen, was sich im Interesse zeigt, wirklich Veränderungen vorzunehmen und Neuanfänge zu wagen. Natürlich gibt es auch viele einzigartige lokale Probleme, aber eine Reihe von Herausforderungen sind denen in Deutschland sehr ähnlich, sowohl in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart. Wir sind der Meinung, dass VPPs eine für viele Ansätze eine nachhaltige Lösung sein könnten.

Kerstin Eiwen: In welchem Zusammenhang steht deine Geschäftsreise damit?

Jonas Simon: Wie gesagt, wir sind der Meinung, dass VPPs eine Lösung sein könnten und trafen uns mit einem potenziellen Kunden, der für ein Pilotprojekt zur Stabilisierung des Stromnetzes im Bereich Demand Side Management auf der Suche nach Umsetzungsmöglichkeiten ist.
Flexibilität, eigentlich eine Spezialität von uns, war dann auch für den Termin erforderlich. In Indien laufen die Dinge anders: Wir hatten keine feste Zeit oder ein festes Datum für den Termin, es gibt eine sehr strenge Hierarchie in Indien und wenn man jemanden in einer höheren Position treffen will, muss man nach dessen Regeln spielen, und dieser wiederum nach den Regeln des Höhergestellten. Es war also ein langer Weg zum Meeting – aber dieses verlief dann sehr gut. Politik und Bürokratie sind in Indien eben genau so miteinander verbunden wie in allen Energiemärkten, denen wir begegnet sind.

Indiens Energielandschaft im Überblick

Stromverbrauch:1242 TWh (2016)
Strommix*:

Kohle: 76,08 %
Diesel & Gas: 3,97 %
Atomkraft: 3,05 %
Großwasserkraft: 9,85 %
Kleinwasserkraft: 0,4 %
Windkraft: 4,1 %
Solar: 2,1 %
Import Bhutan: 0,45 %

Anteil Erneuerbarer Energien:6,6 %
INDCs des Pariser Abkommens:40 % kumulierte installierte elektrische Leistung aus nicht-fossilen Energieressourcen bis 2030 und eine Reduzierung der Emissionsintensität des indischen BIP um 33-35 Prozent bis 2030 gegenüber 2005 sowie eine zusätzliche Senkung des CO2-Ausstoßes von 2,5 bis 3 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent durch Aufforstung
* 2016-2017
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Kerstin Eiwen
von

Kerstin Eiwen ist studentische Hilfskraft bei Next Kraftwerke und studiert Deutsche Sprache und Literatur sowie English Studies in Köln. Sie interessiert sich privat wie beruflich für Nachhaltigkeit, die Energiewende und ökologische Lebensführung.

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