Wer etwas verändern will, braucht Mut zur Veränderung

von Hendrik Sämisch, Jochen Schwill / 25. Februar 2021

Geschäftsführer Next Kraftwerke Hendrik Sämisch und Jochen Schwill, Gründer und Geschäftsführer von Next Kraftwerke, zur Partnerschaft mit Shell Renewables & Energy Solutions

2009 haben wir Next Kraftwerke gegründet – mit einem kleinen Team und überschaubarem Kapital, aber großen Visionen für eine Energieversorgung jenseits von Kohle und Atomkraft. Damals hätten wir uns nicht träumen lassen, dass viele dieser Visionen bereits innerhalb von zehn Jahren Wirklichkeit werden. Und damit meinen wir nicht nur unseren Pool, der mit über 10.000 Anlagen zu einem der größten Virtuellen Kraftwerke der Welt angewachsen ist. Vor allem die Rolle der Erneuerbaren hat sich gewandelt – vom Underdog zum zentralen Pfeiler unserer zukünftigen Stromversorgung.

Qualifiziert haben sich die Erneuerbaren nicht nur mit immer neuen Erzeugungsrekorden, sondern auch durch sinkende Kosten: Mittlerweile produzieren neue Photovoltaik- und Windkraftanlagen vielerorts günstiger als neue konventionelle Kraftwerke und werden damit auch unabhängiger von Fördermitteln. Ein wichtiger Schritt für die Erneuerbaren – und ein wichtiger Schritt für die strategische Weiterentwicklung von Next Kraftwerke. Denn nur wenn wir unser Geschäftsmodell an die sich wandelnden Anforderungen anpassen, können wir unsere langjährigen Partner auf ihrem weiteren Weg begleiten.

Was das bedeutet, können wir an einem konkreten Beispiel festmachen: Viele Grünstrompioniere sind mit ihren Anlagen bei uns in der Direktvermarktung und fallen nun nach 20 Jahren aus der EEG-Förderung. Wir möchten diesen langjährigen Kunden ermöglichen, ihre Anlagen wirtschaftlich weiterzubetreiben. Dies geschieht im Rahmen von PPA-Verträgen, die die Stromabnahme – manchmal für viele Jahre im Voraus – regeln. Um auch solche langfristigen Verträge anbieten zu können, müssen vom Händler, also uns, Sicherheiten in Millionenhöhe hinterlegt werden, um die Stromlieferung abzusichern – Summen, die nur von großen Konzernen gestemmt werden können.

Als Teil von Shell Renewables & Energy Solutions können wir nun diesen nächsten Entwicklungsschritt auf den Strommärkten mitgehen und damit unsere Arbeit der letzten zehn Jahre konsequent fortführen. Bei unserer Entscheidung haben wir aber nicht nur den deutschen Markt im Blick. Insbesondere international können wir nun gewachsene Netzwerke und Synergien nutzen, die es ermöglichen, unser Know-how und unsere Technologie zu teilen und so dafür zu sorgen, dass die Energiewende auch in anderen Teilen der Welt schneller vorankommt. Denn Virtuelle Kraftwerke sind eine wichtige Schlüsseltechnologie der Energiewende. Indem wir deren Aufbau und Betrieb weltweit unterstützen, liefern wir dringend benötigte Lösungen für die Prognose wetterabhängiger Einspeisung, die Sicherung der Netzstabilität und vieler weiterer Einsatzszenarien, die für ein reibungsloses Zusammenspiel der Erneuerbaren und deren Integration in die Strommärkte erforderlich sind.

Diese neuen Möglichkeiten gehen übrigens mit keinerlei Eingeständnissen einher: Das Ziel unserer Arbeit ist nach wie vor eine Energieversorgung mit 100% Erneuerbaren Energien. Hiervon sind wir kein Milliprozent abgerückt. Nun werden manche fragen, warum wir dazu auf einen Partner setzen, der aus dem konventionellen Umfeld kommt. Und auch darauf haben wir eine klare Antwort: Weil wir glauben, dass jeder Euro, der in die Energiewende gesteckt wird, ein guter Euro ist und uns unserem Ziel einer nachhaltigen Energieversorgung näherbringt. Denn wenn wir es wirklich schaffen wollen, Treibhausgasemissionen bis 2030 um 50% zu senken, müssen wir erreichen, dass auch die ganz großen Akteure der Energiebranche umdenken und ihr Kapital in nachhaltige Projekte investieren. Kein ganz selbstverständlicher Prozess, denn unter Umständen bedeutet dies, jahrelang praktizierte Geschäftsmodelle in Frage zu stellen.

Wie stark der Impuls ist, an den eigenen Wahrheiten festzuhalten, zeigt eine kleine Anekdote: Vor etwa zehn Jahren nahmen wir an einer Konferenz in Düsseldorf teil, bei der es um den Sinn von Investments in Erneuerbare Energien ging. Ein führender Manager eines großen deutschen Energieversorgers riet damals dringend davon ab, Geld in Erneuerbare Energien zu stecken. Denn der Klimawandel sei nicht etwa menschengemacht und beeinflussbar, sondern einzig und allein das Resultat zunehmender Sonnenaktivität, was durch die Zunahme an Sonnenflecken belegt würde.

Ein solches Statement wäre heute – jenseits von querdenkenden Stammtischen – nicht mehr vorstellbar. Inzwischen stellen innerhalb der Energiebranche nur noch wenige in Frage, dass der Mensch der Hauptverursacher des Klimawandels ist. Dies hat auch enorme Auswirkungen auf die Wirtschaft: Viele Konzerne werden vom Gesetzgeber verpflichtet – oder verpflichten sich sogar freiwillig dazu –, Treibhausgase zu reduzieren und im Laufe der nächsten Jahrzehnte klimaneutral zu werden. Auch die Rolle der etablierten Energiekonzerne ändert sich. Sie müssen ihr Business umbauen und neue Geschäftsmodelle entwickeln, um zukunftsfähig zu werden.

Bei Shell ist dieser Transformationsprozess in vollem Gange: Der Konzern investiert Milliarden in grüne Technologie und hat das Ziel, größter Stromanbieter der Welt zu werden. Indem wir diese bislang wohl größte Neuausrichtung des Unternehmens begleiten, haben wir die Chance, den Umbau im Inneren des Systems voranzubringen und aktiv mitzugestalten. Dabei befinden wir uns übrigens in bester Gesellschaft: Innovative Greentech-Unternehmen wie Sonnen, Ubitricity oder Limejump haben sich ebenfalls für eine Partnerschaft mit Shell entschieden, um ihre wegweisenden Konzepte im Sinne der globalen Energiewende skalieren zu können.

Natürlich stimmt uns der Abschied von der Rolle als Start-up auch ein kleines bisschen wehmütig. Aber die disruptive Energie, die uns seit jeher ausmacht, nehmen wir natürlich mit ins nächste Kapitel von Next Kraftwerke. Wir freuen uns darauf, in den nächsten Jahren an der maximalen Veränderung des Energiesystems und an seiner Dekarbonisierung zu arbeiten.


Hendrik Sämisch
von

Hendrik Sämisch ist einer der Gründer und Geschäftsführer von Next Kraftwerke. Er verantwortet insbesondere den Stromhandel.

Jochen Schwill
von

Jochen Schwill ist einer der Gründer und Geschäftsführer von Next Kraftwerke. Er ist verantwortlich für Produktentwicklung und die Technik unseres Virtuellen Kraftwerks.

Kommentare
Wilhelm Bonse-Geuking: (17.03.21)
Ich kann Ihre Entscheidung aus betriebswirtschaftlicher Sicht nachvollziehen. Aber bitte machen Sie sich keine Illusionen: Sie sind nunmehr Teil eines börsennotierten Konzerns, mit dessen Geld und backing Sie künftig arbeiten werden. Man wird Ihnen sehr genau auf die Finger schauen und Ihre Absichten kritisch hinterfragen. Wenn Sie die Erwartungen nicht erfüllen, die Shell mit dem Einstieg verbindet, wird es für Sie kritisch. Ihre Autonomie ist dahin. Einziges Gegenmittel: Transparenz und intensive Kommunikation mit den für Sie zuständigen Stellen (!), damit Ihre Pläne und Entscheidungen verstanden und mitgetragen werden. Es ist eine neue Welt. Viel Erfolg!
Next Kraftwerke: (15.03.21)
Lieber Herr Bäumler, wir können verstehen, dass unsere Entscheidung nicht für jeden sofort nachvollziehbar ist. Aber wir werden unsere Arbeit für die Energiewende genauso motiviert und engagiert fortsetzen, wie Sie es von uns aus den vergangenen elf Jahren kennen. Wir sind überzeugt davon, dass wir im Sinne der Energiewende handeln, und dass ein Energiesystem nur dann nachhaltig transformiert werden kann, wenn auch konventionelle Akteure mitziehen.
Next Kraftwerke: (15.03.21)
Lieber Herr Steinhoff, wir können verstehen, dass Sie enttäuscht sind, denn natürlich teilt nicht jeder unsere Einschätzung. Wir haben allerdings auch von vielen Kunden und Partnern positive Rückmeldungen erhalten. Wir hoffen, dass die Zukunft zeigen wird, dass wir nicht nur für unser Unternehmen, sondern auch die Energiewende die richtige Entscheidung getroffen haben.
Peter Molnar: (26.02.21)
Liebe Gründer, Geschäftsführer und MitarbeiterInnen von NEXT, wir sind ein österreichischer Peer-to-Peer Marktplatz, der ausschließlich auf regionale, erneuerbare Stromproduktion setzt und bei dem das Vertrauen der NutzerInnen das größte Kapital ist. Wir arbeiten seit mehr als einem Jahr jetzt sehr gut mit NEXT zusammen und schätzen die professionelle Abwicklung komplexer Prozesse. Neben den Worten brauchen wir aber jedenfalls auch ein schriftliches commitment der Geschäftsführung, dass sich die Ausrichtung und Firmenpolitik von NEXT in den nächsten Jahren NICHT ändern wird. Es wäre sehr schade, um einen wirklich innovativen Partner in der modernen E-Wirtschaft. Liebe Grüße aus Österreich Peter Molnar Gründer und Vorstand von OurPower
Dr. J. Bäumler: (26.02.21)
Wer so viele Worte braucht um seine eigenen, vorgebenen Ideale zu Markte zu tragen, sollte lieber schweigen. Als langjähriger Unterstützer Ihres Unternehmens und Ihrer Idee kann ich den Schritt, unter die Rockschöße eines der größten und übelsten Klimasünder zu schlüpfen, weder fassen noch nachvollziehen. Das Unternehmen Shell ist nicht nur einer der größten CO2-Emittenten und Umweltverschmutzer überhaupt. Im Namen des Profits unterdrückt es in Afrika ganze Gesellschaften und finanziert Kriege und Terrorismus im globalen Maßstab. Dies sind keine Verschwörungstheorien - dies sind Erkenntnisse wissenschaftlicher Forschungen und bleibt, nicht nur bei Wikipedia, unbestritten. Wer sich mit diesem schmutzigen Riesen ins Bett legt, nur um des eigenen, persönlichen Profits der Gründer und Investoren wegen, zeigt erbärmlich wenig Charakter. Dabei war Next Kraftwerke national wie international als eines der weniger Unternehmen bekannt, die selbstbewusst einen ökologisch und gesellschaftlichen Weg nach vorne zeigen. Wie viel von diesen vielen schönen Worten bloßes Marketing und wie viel hiervon echte Überzeugung war, hat sich nun drastisch offenbart. Sie sollten sich schämen und seien Sie sicher: Ihre Beschäftigten und alle, die mit Ihnen bislang den Glauben an eine saubere Zukunft der Energieversorgung glaubten - auch im Hinblick auf globale und politische gesellschaftliche Verantwortung - tun es bereits.
Ronald Steinhoff: (25.02.21)
Sehr traurig! Eure Kunden stehen größtenteils Unternehmen wie Shell sehr skeptisch gegenüber. Eine falsche Entscheidung für Next und für die Energiewende

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