Next Stop: Russland

Unsere Blogserie berichtet von den Strommärkten der Welt. Unser nächster Stop ist Russland – Tobias Weghorn, International Business Development Manager bei Next Kraftwerke, erkundete die VPP-Potenziale des Landes.

Kerstin Eiwen: Du warst kürzlich auf einer Messe in Russland. Worum ging’s da?

Tobias Weghorn: Genau, ich war auf dem 3. World Smart Energy Summit Russia; erstmals war Next Kraftwerke dort als VPP-Partner der Veranstaltung vertreten. In insgesamt sechs Panels zu den Themenfeldern Digitalization, Distributed Energy, Industrial Energy, Energy and Utilities, Smart Cities and Buildings und Energy Tech Hub richtete sich die Messe vor allem an Player in der russischen Energielandschaft, also unter anderem Netzbetreiber, Energieversorger, Anlagenbetreiber und Dienstleister.

Kerstin: Wie ist Russland denn bezüglich Erneuerbarer Energien aufgestellt?

Tobias: Erneuerbare Energien spielen in Russland noch immer eine untergeordnete Rolle. Zwar fördert Russland Solaranlagen und Windparks und gerade Wind hat großes Potenzial für das Land, aber auch wenn die Kapazitäten bis 2019 auf 2,4 GW und bis 2035 auf 9 GW erhöht werden sollen, spielt das im Vergleich zum Energieanteil, der aus konventionellen Quellen, allen voran Gas, gewonnen wird, eher eine geringe Rolle. Und obwohl Anlagen zur Erzeugung von Strom aus Erneuerbaren Energien örtlich dezentral sind, sind sie nicht ökonomisch dezentral – große Anlagen werden größtenteils auch von großen Utilities gebaut.
Ein Grund, warum der russische Markt dennoch hochspannend ist, sind Demand Side Management-Projekte, die in Russland auf dem Vormarsch sind. Diese entstehen nicht wie beispielsweise in Deutschland als Reaktion auf die Volatilität der Erneuerbaren Energien, sondern mit dem Ziel, für mehr Effizienz im Erzeugungssystem zu sorgen. Teils veraltete und ineffiziente Gaskraftwerke, die nur der Peak Generation dienen – also laufen, wenn der Stromverbrauch extrem hoch ist -, können durch intelligentes Demand Side Management letzten Endes vom Netz genommen werden, was Kosten spart und auch Emissionen verringert.

Kerstin: Verstehe. Wie funktioniert denn der russische Strommarkt? Gibt es eine Börse?

Tobias: Wie in Deutschland ist der Strommarkt aufgeteilt in den Großhandel („wholesale“ für Kraftwerke und Industrie) und den Einzelhandel („retail“, also die Vermarktung und Belieferung von Kleinanlagen und Haushalten). Anders als viele europäische Märkte hat Russland keinen Energy-only-Markt. Stattdessen gibt es einen Kapazitätsmarkt, beziehungsweise ein zentrales Dispatch-System, das zentral durch den Netzbetreiber gemanagt wird. Jeder Marktteilnehmer übermittelt einen Fahrplan an die Netzbetreiber, der diesen aufgrund einer zentralen Optimierung von Netzauslastung und Frequenzregelung gegebenenfalls anpasst. Der Großhandelskunde ist verpflichtet, einen Fahrplan zu übermitteln und bezahlt neben der bereitgehaltenen Energie eine Strafe, wenn er vom Fahrplan abweicht. Kleinere Produzenten nehmen normalerweise am Einzelhandel teil und haben daher weniger strikte Verpflichtungen ; die Grenze, wann man ein „kleinerer Produzent“ ist, ist mittlerweile von 25 MW auf 5 MW gesunken.

Kerstin: Wie steht’s mit der Liberalisierung?

Tobias: Wenn man die Liberalisierung daran misst, ob der Markt „unbundled“ ist, dann kann man für Russland klar sagen: Netzbetrieb und Erzeugung sind entkoppelt, es ist also ein liberaler Markt. Dennoch werden Systemdienstleistung wie zum Beispiel Regelenergie zum stabilen Betrieb des Stromnetzes fast ausschließlich von konventionellen Kraftwerken erbracht. Ein größerer Flexibilitätsmarkt für dezentrale Erzeugungs- und Verbrauchsanlagen wird sich wohl im Lauf der kommenden Jahre entwickeln.

Kerstin: Wie genau ist es denn um Regelenergie bestellt in Russland?

Tobias: Russland ist nicht an das europäische Verbundnetz angeschlossen, sondern hat ein eigenes Netz – zwar ist dessen Frequenz wie in Europa auch 50 Hertz, aber das Netz ist nicht synchron mit dem unseren. Daher muss Russland alle Schwankungen mit den eigenen Kraftwerken selbst ausgleichen. Wie erwähnt wird die Regelenergie von Großkraftwerken geliefert und maßgeblich von Übertragungsnetzbetreibern beeinflusst. Zusätzlich dazu wird nun das Demand Side Management eingeführt, wo in 2- und 4-Stundenblöcken am Vortag der „Regelenergiebedarf“ geplant wird. Dadurch, dass hier sowohl Netzfrequenz als auch die Auslastung einzelner Leitungen vom Netzbetreiber berücksichtigt werden, spielt die einzelne Anlage eine größere Rolle, der Dispatch ist sozusagen anlagenscharf.

Kerstin: Und was hast du noch von deiner Reise mitgenommen?

Tobias: In Russland und selbst in Moskau werden Distanzen definitiv anders gemessen als hier – bei einem so großen Land auch irgendwie verständlich! Ich hatte ein Hotelzimmer für die Messe reserviert bekommen, das laut Veranstalter ganz nah an der Messe liege. Kurz vor Ankunft schaute ich dann doch noch mal nach – „ganz nah“ bedeutete in Moskau noch immer über eine dreiviertel Stunde mit dem ÖPNV!

Russlands Energielandschaft im Überblick

Stromverbrauch:1.073 TWh (2017)
Strommix* **:

Kohle: 15,71 %
Öl: 1 %
Gas: 47,83 %
Atomkraft: 18,02 %
Wasserkraft: 17,11 %
Windkraft: 0,01 %
Solar: 0,04 %
Geothermie: 0,04 %
Biomasse (inkl. Müll): 0,23 %

Anteil Erneuerbarer Energien:0,1 %
INDCs des Pariser Abkommens:„Die Begrenzung der anthropogenen Treibhausgase in Russland auf 70-75 Prozent des Niveaus von 1990 bis zum Jahr 2030 könnte ein langfristiger Indikator sein, vorbehaltlich der größtmöglichen Berücksichtigung der Absorptionsfähigkeit der Wälder.“
* 2016** Zahlen sind auf zweite Nachkommestelle gerundet
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Kerstin Eiwen
von

Kerstin Eiwen ist studentische Hilfskraft bei Next Kraftwerke und studiert Deutsche Sprache und Literatur sowie English Studies in Köln. Sie interessiert sich privat wie beruflich für Nachhaltigkeit, die Energiewende und ökologische Lebensführung.

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