Zwei Jahre Regionalnachweise – Verwaltungsmonster oder Zukunftsmodell?

von Verena Dubois, Joscha Wurzel / 13. April 2021

Regionalnachweise, Strom aus der Region Seit ihrer Einführung zu Jahresbeginn 2019 scheiden sich an Regionalnachweisen die Geister: Zunächst wurde die Debatte von Stimmen dominiert, die Regionalnachweise als komplexe, verwaltungsaufwändige Produkte mit geringem Mehrwert beschrieben. Inzwischen werden Regionalstromprodukte aber von immer mehr Elektrizitätsversorgungsunternehmen (EVUs) angeboten und beworben. Waren die anfänglichen Zweifel also unberechtigt?

Back to the roots: der Start des Regionalnachweisregisters

Die offiziellen Anfänge der Regionalnachweise liegen im EEG 2017. Durch die regionalen Zertifikate sollte EEG-Anlagen eine neue Vermarktungsoption geboten werden. Tatsächlich auf die Welt kam das Produkt aber erst nach einigen Verzögerungen am 01.01.2019 mit dem Livegang des Regionalnachweisregisters.

In dem durch das Umweltbundesamt betreuten Register können Zertifikate für im Rahmen des EEG geförderten Strom ausgestellt, übertragen und entwertet werden. Und so funktioniert das Ganze: Ein Regionalnachweis zertifiziert eine Kilowattstunde regionalen Strom. EVUs können die Regionalnachweise erwerben, um Endkunden mit Strom von nebenan zu beliefern. Regional ist dabei als ein Gebiet mit einem Radius von 50 km definiert. Mit anderen Worten: Um Strom als regional ausweisen zu können, darf die Anlage nicht weiter als 50 km vom Postleitzahlgebiet des Endkunden entfernt sein.

Für Anlagenbetreiber ist durch den Handel mit Regionalnachweisen die Chance entstanden, zusätzliche Erlöse zu generieren. Doch das Produkt bringt nicht nur Vorteile für den einzelnen Betreiber, sondern auch für den Zubau der Erneuerbaren in Deutschland: Denn durch Regionalstromprodukte wird auch die Akzeptanz für den Anlagenbau vor Ort gesteigert. Gerade im Bereich Windenergie ist mangelnde Akzeptanz eines der größten Hindernisse, dies machen Bürgerproteste gegen neue Bauvorhaben immer wieder deutlich. Auch EVUs profitieren davon, dass sie mit den Regionalnachweisen ein neues Produkt in ihr Portfolio aufnehmen können. Sie haben nun die Möglichkeit, Strom aus der eigenen Region anzubieten. Gerade für kleinere, regionale Stromversorgungsunternehmen ist das ein wichtiges Differenzierungsmerkmal gegenüber deutschlandweiten Versorgern.

Bei all den Vorteilen für die beteiligten Akteure stellt sich die Frage, warum sich dennoch viele Marktteilnehmer kritisch über das neue Produkt äußern. Woran liegt das?

Regional ist das neue Bio – nicht bei Regionalnachweisen

In den ersten Monaten blieb das Interesse an Regionalnachweisen sehr überschaubar, das Umweltbundesamt zeigte sich enttäuscht. Als Gründe wurden Erklärungsschwierigkeiten gegenüber Endkunden und hoher Verwaltungsaufwand genannt.

Regionalnachweise sind insofern ein komplexes Produkt, als dass sie zwar die Regionalität zertifizieren, nicht aber die grüne Eigenschaft des Stroms. Und das obwohl der Strom aus Erneuerbaren Energien stammt. Um ihren Strommix vollständig grün auszuweisen, müssen Grünstromlieferanten für 100% der gelieferten Menge Herkunftsnachweise beschaffen – auch dann, wenn ein Teil davon mit Regionalnachweisen zertifiziert ist.

Was sind Herkunftsnachweise?

Herkunftsnachweise zertifizieren die Herkunft von Strom aus erneuerbaren Energien. Seit Januar 2013 dürfen Stromlieferanten ihren Strommix nur dann vollständig grün kennzeichnen, wenn für den gelieferten Strom eine entsprechende Anzahl an Herkunftsnachweisen entwertet wurde. Somit sorgen Herkunftsnachweise für Transparenz im Strommarkt und stellen sicher, dass jede produzierte Megawattstunde Grünstrom nur einmal an Endkunden geliefert werden kann.

Aufgrund des Doppelvermarktungsverbots dürfen EEG-Anlagen in Deutschland aber keine Herkunftsnachweise ausstellen, da sie ja beispielsweise bereits über die Teilnahme im Marktprämienmodell oder in Form der Einspeisevergütung gefördert werden. Da der Anteil ungeförderter Erneuerbarer Energie noch sehr gering ist, sind deutsche Herkunftsnachweise derzeit noch Mangelware. Die in Deutschland entwerteten Herkunftsnachweise kommen deshalb aktuell noch fast ausschließlich aus dem Ausland. Für grüne Regionalstromprodukte bedeutet das, dass diese mit Regionalnachweisen ihre Regionalität vermarkten können, zusätzlich aber ausländische Herkunftsnachweise benötigen, um ihre Grünstromqualität zu zertifizieren. Nicht nur für Endkunden ist das schwer verständlich.

Ein hoher Verwaltungsaufwand resultiert außerdem aus dem 50 km-Radius und der Anzahl der involvierten Handelsparteien. Regionalnachweise müssen entlang der Lieferkette des Stroms gehandelt werden, also beispielsweise vom Anlagenbetreiber über den Direktvermarkter zum EVU. Deshalb beschäftigt sich auch Next Kraftwerke seit mehreren Jahren mit Regionalnachweisen.

Regionalstrom by Next Kraftwerke

Für Next Kraftwerke startete die Arbeit mit Regionalnachweisen zunächst mit einigen wenigen Wind- und PV-Anlagen aus Nordrhein-Westfalen. Die Anlagen mussten bereits zu Jahresbeginn 2019 im Regionalnachweisregister angemeldet werden, da nur für den nach der Anmeldung eingespeisten Strom Regionalnachweise ausgestellt werden können. Ende 2019 transferierte Next Kraftwerke zum ersten Mal eine noch recht geringe Menge an Regionalnachweisen zu einem Stromlieferanten, der damit Endkunden mit Regionalstrom beliefern konnte.

Dank des großen Anlagenpools, mit dem Next Kraftwerke annähernd jedes Postleitzahlgebiet in Deutschland mit Regionalstrom beliefern kann, wurden die Tätigkeiten im Bereich Regionalnachweise schnell ausgeweitet. Inzwischen beliefert Next Kraftwerke drei weitere Regionalstrom-Kunden und hat insgesamt 150 GWh an Regionalnachweisen unter Vertrag. Dominik Wernze, der das Produkt Regionalnachweise bei Next Kraftwerke betreut, zeigt sich mit der bisherigen Bilanz zufrieden: „Am Anfang standen wir dem Ganzen noch etwas skeptisch gegenüber. Doch inzwischen haben wir Prozesse entwickelt, mit welchen sich dieses doch recht komplexe Produkt gut abwickeln lässt. Auch von unseren Anlagenbetreibern und Stromlieferanten bekommen wir positives Feedback. 2020 konnten wir deshalb unsere Aktivitäten am Regionalnachweisregister ausweiten. Wir sind zuversichtlich, dass dieser Trend in 2021 fortgesetzt werden kann.“

Aus Sicht der EVUs ist das Produkt ebenfalls gut angelaufen. Marken Scheck, verantwortlich für Portfoliomanagement und Energiebeschaffung bei den Stadtwerken Radolfzell: „Als regionaler Stromanbieter bauen wir stetig neue Erneuerbare-Energien-Anlagen. Durch die Verwendung von Regionalnachweisen haben wir nun die Möglichkeit, unser Engagement in einem Stromprodukt darzustellen. Auch für unsere Kunden wird der regionale Aspekt immer wichtiger. Mit den Regionalnachweisen können wir ihnen zeigen, dass der Strom aus der Region Radolfzell kommt.“

Regionalnachweise und die Zukunftsfähigkeit

Trotz der Erfolge der Regionalstromvermarktung bleibt die Kritik an der Komplexität der Regionalnachweise berechtigt. Grünen Regionalstrom zusätzlich mit ausländischen Herkunftsnachweisen zertifizieren zu müssen, kann keine langfristige Lösung sein.

Doch eine Lösung scheint in Sicht. In den nächsten Jahren wird die Zahl der ungeförderten Anlagen Erneuerbarer Energien deutlich steigen. Da diese nicht mehr mit dem Doppelvermarktungsverbot belegt sind, können Post-EEG Anlagen – so wie auch neue, von Anfang an ungeförderte Anlagen mit PPA –Herkunftsnachweise generieren. Herkunftsnachweise weisen Ort und Art der Anlage aus und verfügen damit grundsätzlich über die gleichen Eigenschaften wie Regionalnachweise.

Mit deutschen Herkunftsnachweisen kann Strom gleichzeitig als regional und als grün ausgewiesen werden. Post-EEG-Anlagen und Anlagen außerhalb der Förderung sind deshalb in der Lage, 100% regionalen Ökostrom bereitzustellen. Regionalstromprodukte werden nicht mehr auf ausländische Herkunftsnachweise angewiesen sein und dadurch für Endkunden besser verständlich. Das könnte weitere Regionalstromkunden anlocken.

Langfristig wird Regionalstrom also nicht mehr durch Regional- sondern durch Herkunftsnachweise zertifiziert werden. Die erforderlichen Prozesse von der Vertragsanbahnung über die Zertifikatsausstellung bis zur Regionalstromvermarktung werden aber weiterhin jenen der Regionalnachweise entsprechen. Dadurch erhält das Regionalnachweisregister einen zukunftsweisenden Charakter.

Kritiker mögen die Verwaltungsaufwand rund um Regionalnachweise als unverhältnismäßig beschreiben. Doch wer sich heute Regionalnachweisen annimmt, kann sich optimal für ein regionales Post-EEG Zeitalter und die zukünftige Vermarktung ungeförderter Erneuerbarer Energie Anlagen positionieren.


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Verena Dubois ist Redakteurin bei Next Kraftwerke und verantwortlich für unser Produktmarketing. Die Mission der Medienwissenschaftlerin: Komplexe Themen in spannende Inhalte verwandeln. In dieser Disziplin tobt sie sich für uns in Online- und Printmedien aus – und unterstützt uns dabei, neue Teilnehmer für das Virtuelle Kraftwerk zu begeistern.

Joscha Wurzel
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Joscha Wurzel ist studentische Hilfskraft bei Next Kraftwerke und studiert Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Energie und Umweltressourcen. Er interessiert sich für die Details des Tagesgeschehens am Strommarkt und hält dabei die Zusammenhänge mit der Energiewende im Blick.

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