Was ist die Carbon Bubble?

Definition

Die Carbon Bubble, auch CO2-Blase oder Kohlenstoffblase genannt, ist eine Theorie aus dem Umfeld der Klima- und Wirtschaftsforschung. Der Begriff beschreibt eine mögliche Überbewertung von Unternehmen, die ihre Wachstumsprognosen für die nächsten Jahre nur mit einem Verbrauch fossiler Energieträger in einer Größenordnung aufrechterhalten könnten, die gegen die Zwei-Grad-Grenze verstoßen würde.

Kann fossiler Energieverbrauch noch echtes Wirtschaftswachstum schaffen?

Wie sollen Klimaschutz und eine nach wie vor vorwiegend auf der Verbrennung fossiler Energieträger basierende Volkswirtschaft miteinander in Einklang gebracht werden? Mit der Zwei-Grad-Grenze des Kopenhagener Klimagipfels wurde ein klarer Rahmen definiert: Gelingt es nicht, die Erderwärmung durch die Reduktion des Eintrags von CO2 in die Atmosphäre bis zum Jahr 2100 auf 2 Grad Celsius zu begrenzen, treten unumkehrbare klimatische Effekte ein, die sich nicht zuletzt in volkswirtschaftlichen Schäden in Billionenhöhe äußern.

Carbon Bubble: CO2-Ausstoß weltweit

Vor diesem Hintergrund ist es daher nach Ansicht von Wirtschaftswissenschaftlern der Carbon Tracker Initiative mehr als fragwürdig, ob Wachstumsprognosen von Unternehmen, die auf der Grundlage eines Verbrauchs von fossilen Energieträgern mit CO2-Emissionen oberhalb der Zwei-Grad-Grenze basieren, wirklich haltbar sind. Denn korrekterweise müssten die Schäden, die durch die auftretenden CO2-Emissionen auftreten, mit den Folgekosten des überschrittenen Zwei-Grad-Zieles gegengerechnet werden. Dies hätte jedoch zur Folge, dass die Gewinne und damit die Unternehmenswerte sehr stark schrumpfen, wahrscheinlicher, zu Verlusten werden würden. Die Theorie der Carbon Bubble oder Kohlenstoffblase beschreibt das Risiko eines möglichen Verlusts an Unternehmenswerten - und diese Verluste werden heute schon spürbar.

Die verbleibende CO2-Menge schrumpft rapide

Die Weltklimaforschung geht seit einigen Jahrzehnten für den Zeitraum 2000 bis 2050 von einem „Budget“ von 886 Gigatonnen CO2 aus. Bei einer Überschreitung dieser Menge wird die Zwei-Grad-Ziel durchbrochen. Von 2000 bis 2010 wurden bereits 321 Gigatonnen CO2 ausgestoßen, von 2010 bis 2020 werden es, eine jährliche Steigerungsrate von einem Prozent ab 2018 vorausgesetzt, voraussichtlich rund 330 Gigatonnen sein. Bis zur Zwei-Grad-Grenze bleiben folglich ab 2020 noch rund 236 Gigatonnen CO2 übrig – eine Menge, die bei gleichbleibenden Ausstoßraten noch vor 2030 erreicht sein dürfte und die Carbon Bubble kräftig aufbläst.

Was diese Zahlen für fossile Energieindustrie bedeuten, wird an einer Rechnung der Carbon Tracker Initiative deutlich: Im Jahr 2010 hatten die 100 größten kohlefördernden Unternehmen, gemeinsam mit den 100 größten öl- und gasfördernden Unternehmen, ein Emissionspotential von 745 Gigatonnen CO2 in Lagerstätten gebunkert. Der CO2-Kontostand betrug zu diesem Zeitpunkt jedoch nur noch 565 Gigatonnen CO2, was bereits eine Überschreitung von 180 Gigatonnen bedeutet hätte. Mindestens dieser Anteil hätte also schon 2010 bei den Konzernwerten berücksichtigt werden müssen, stattdessen bildet er jetzt einen wesentlichen Teil der Carbon Bubble.

Welche Unternehmen sitzen in der Carbon Bubble?

Klar ist damit: Auch die weniger ambitionierten Klimaziele lassen sich nur einhalten, wenn der Verbrauch fossiler Brennstoffe ab sofort stark eingeschränkt wird. Dies bedeutet am Beispiel eines Braunkohlekraftwerks, dass es die für seine Wertschöpfung essentielle Kohle gar nicht erst fördern und verbrennen darf. Gleiches gilt selbstverständlich auch für Mineralöl und Gas fördernde Konzerne. Die teils vor Jahrzehnten erworbenen, teuer eingekauften Schürfrechte für Brennstoffe verlören stark an Wert oder würden sogar wertlos bzw. als Füllmaterial für die Carbon Bubble dienen.

Doch nicht nur die Brennstoffe, sondern auch die Förderung selbst sind betroffen: Braunkohle, Steinkohle oder Öl verbrennende Stromproduktionsanlagen würden in den Energieunternehmensbilanzen vom Asset zum Altlastenproblem. Der folgende Wertverlust bei den Unternehmensanteilen träfe dann nicht nur private Anleger, sondern auch Kommunen: Viele Städte und Gemeinden sind Anteilseigner fossiler Energiekonzerne und auf die Dividenden angewiesen.

Doch nicht nur Unternehmen, die unmittelbar klimaschädliche Energieträger fördern, bevölkern die Kohlenstoffblase. Auch Unternehmen aus der Automobilindustrie, die nach wie vor mittelbar vom Mineralöl abhängig sind, können in bei einer drastischen CO2-Begrenzung Teile ihrer Produktpalette nicht mehr absetzen. Einen Ausweg bietet die Entwicklung von Elektrofahrzeugen – diese müssten dann allerdings ebenso klimaneutral produziert wie betrieben werden können. Der Wechsel zu elektrischen Antrieben bedeutet jedoch wiederum Verluste in der Automobilzulieferindustrie – Verbrennungsmotoren, Getriebe und Kraftstoffanlagen werden in Elektrofahrzeugen nicht mehr benötigt.

Risiken am Wertpapiermarkt steigen

Insgesamt schätzt die Carbon Tracker Initiative den Wert aller fossilen Energiereserven auf einen Betrag von 27 Billionen US-Dollar – allerdings nach heutigem Stand der Rohstoffpreise. Denn wenn die Brennstoffe nicht mehr verbrannt werden dürfen, sinkt zwangsläufig auch ihr Marktwert – möglicherweise bis unter die Kosten für Abbaurechte, Förderung und Vertrieb. Auch langfristig in fossilen Brennstoffen angelegte Wertpapiere, bisher dank steigender Kurse Garanten für gute Renditen, würden durch einen Preisverfall erheblich in Mitleidenschaft gezogen werden.

Die in vielen Depots schlummernden Wertpapiere für CO2-emittierende Rohstoffe und Unternehmen wurden von der Bank of England bereits 2015 als Risiko erkannt. Die britische Zentralbank warnte unter anderem vor jährlichen Kosten von hunderten Milliarden Dollar für die Suche nach neuen fossilen Lagerstätten, die sich für die fossilen Rohstoffkonzerne aufgrund der Kohlenstoffblase nicht mehr amortisieren könnten.

CO2-emittierende Konzerne ändern bereits ihre Investitionsstrategie

Auch in den globalen Kohle- und Ölkonzernen verhallen die Warnungen nicht ungehört: Internationale Rohstoffkonzerne begeben sich weltweit auf Einkaufstour, um ihr Portfolio „greenzuwashen“, was ihnen die öffentliche Diskussion gern zum Vorwurf macht. Neutraler betrachtet ist dieser Weg aber alternativlos: Wollen sie wirtschaftlich in einer sich dekarbonisierenden Welt fortbestehen, müssen sie ihre Wertschöpfungskette vom CO2 –Ausstoß befreien und sich aus der Carbon Bubble befreien.

In Zweifel zu ziehen ist allerdings, ob dies auch wirklich mit vollem Einsatz geschieht: So beliefen die sich Investitionen der multinationalen Ölkonzerne in erneuerbare Technologien 2018 auf gerade einmal ein Prozent des Gesamtbudgets. Zwar sind dies, angesichts des dreistelligen Milliardenumsätze auf dem globalen Erdölmarkt, keineswegs Peanuts – aber doch nur ein kleiner Teil des nach wie vor mehrheitlich CO2-intensiven Hauptgeschäfts.

Ausblick und Fazit: Wie kann die Carbon-Bubble am Platzen gehindert werden?

Seit 2013, als die Carbon Tracker Initiative die Theorie der Carbon Bubble erstmals aufbrachte, ist viel geschehen: So betrug der Anteil der Erneuerbaren Energien in Deutschland 2013 noch 27 Prozent – 2019 könnten es, Projektionen des Fraunhofer ISE zufolge, erstmal über 47 Prozent sein. Geschäftsmodelle aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien haben sich entwickelt, sind marktreif geworden und können eine stabile Stromversorgung sicherstellen.

Aber auch 2019 hat das große „Divestment“, der globale Rückzug aus Unternehmensanteilen und Investitionen auf Basis fossiler Energieträger, noch längst nicht stattgefunden. Im April 2019 zitiert die New York Times den Ökonomen Jeremy Grantham, einen der ersten und treffsichersten Propheten der Finanzkrise von 2008, mit drastischen Worten: Wir stünden vor der „ersten wirklich globalen Finanzblase“ – und nicht nur die auf fossile Energieträger setzenden Unternehmen, sondern die gesamte Weltwirtschaft wäre betroffen. Die meisten Investoren handeln jedoch nach wie vor mit kurzsichtiger Perspektive, folgerichtig nach John Maynard Keynes‘ These, dass es für den Ruf besser sei, konventionell zu scheitern als unkonventionell erfolgreich zu sein. Er kenne keine Zukunftsperspektive, so Grantham, die so gut belegt sei wie der Klimawandel – und doch handle kaum einer danach.

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