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„Biogas muss weg von der reinen Flat-Einspeisung und hin zur Flexibilität, um zukunftsfähig zu sein und die Energiewende voranzubringen!“ Diesen Satz hört man inzwischen – zum Glück – oft in Berliner Energiepolitikerkreisen, in Branchenverbänden und manchmal sogar im Fernsehen. Doch Gerd Clasen von der KBB Biogas GmbH & Co KG sitzt nicht in Berlin und nicht vor einer Kamera, als er diesen Satz sagt. Gerd Clasen sitzt im Kontrollraum einer Biogasanlage in Kirchlinteln, im tiefsten Niedersachsen. Er kann umsetzen, worüber die anderen reden.

Gerd Clasen KBB Biogas GmbH & Co KG Kirchlinteln Gerd Clasen KBB Biogas GmbH & Co KG Kirchlinteln Biogasanlagen verfügen über alles, was ein flexibles Kraftwerk benötigt: oft stufenlos schaltbare Motoren, konstante Gaszufuhr und einen eigenen Gasspeicher. Mit dem EEG 2012 kam die juristische Novelle hinzu, um diese Flexibilität auf den Energiemärkten auszuspielen. Denn wer in die Direktvermarktung nach dem Marktprämienmodell wechselt, kann die Flexibilität der eigenen Biogasanlage sowohl am Spotmarkt der EEX als auch an den Regelenergiemärkten anbieten. Gerd Clasen war sofort von dem neuen Konzept überzeugt: „Nach ein, zwei Monaten war mir klar, dass der Weg der Direktvermarktung an der Spotbörse der richtige ist und dass über kurz oder lang alle Betreiber wechseln werden.“ Er entschied gemeinsam mit den vier weiteren ortsansässigen Kommanditisten, die Biogasanlage der KBB als Teil des virtuellen Kraftwerks von Next Kraftwerke an die Strommärkte zu bringen.

Der Start in die Direktvermarktung sei problemlos verlaufen, erinnert sich Gerd Clasen: „Wir ließen den Vertrag mit Next Kraftwerke von einem Rechtsanwalt prüfen, erhielten die Ummeldung beim Netzbetreiber von Next Kraftwerke und dann ging die Direktvermarktung schnell los. Die Vermarktung unseres Biogasstroms an der Börse ist sehr transparent, wir können monatlich an Hand der Rechnung von Next Kraftwerke nachrechnen, welche Mehrerlöse wir durch das Marktprämienmodell im Vergleich zur fixen EEG-Einspeisevergütung erhalten haben.“

Doch wie sieht es mit der Königsdisziplin aus, der Vermarktung der Anlagenflexibilität an den Regelenergiemärkten? Hier greift das virtuelle Kraftwerk schließlich im Gegensatz zur reinen Direktvermarktung in die Anlagenfahrweise ein und regelt die Biogasanlage nach Vorgaben der Übertragungsnetzbetreiber, um das Stromnetz zu stützen. Nach Einbau der Fernwirkeinheit, einer sogenannten Next Box, durch die örtliche Wartungsfirma der Biogasanlage war diese mit der Zentrale des virtuellen Kraftwerks in Köln vernetzt. Anschließend wurden verschiedene Tests durchgeführt, um die Regelfähigkeit der Anlage bei den Übertragungsnetzbetreibern nachzuweisen ("Präqualifikation), sodass die Biogasanlage der KBB bereits Mitte 2013 die Nachricht über den Vermarktungsstart in der Regelenergie erhielt.

An den ersten Abruf erinnert sich Gerd Clasen mit einem Lächeln: „Ich saß bei Kaffee und Kuchen und erhielt eine SMS, dass es einen Sekundärreserveabruf gebe. Ich konnte dann live an meiner Anlagensteuerung zuschauen, wie das BHKW innerhalb von Sekunden von Köln aus heruntergeregelt wurde. Nach Ende des Abrufs fuhr das BHKW wieder vollautomatisch hoch. Mein Kaffee war nicht mal kalt geworden.“ Seitdem haben die beiden BHKW der KBB-Biogasanlage wiederholt Regelenergie zur Netzfrequenzstabilisierung bereitgestellt, sowohl Minutenreserve als auch Sekundärreserve. Dabei erhalten die BHKW über die Next Box ein Signal zur Leistungsanpassung – im Falle des größeren der beiden BHKW beispielsweise von der maximalen Leistung 600 kW auf höchstens 360 kW herunter. „Wir konnten bei Vertragsabschluss selbst bestimmen, wie weit das BHKW heruntergeregelt werden darf. Bisher hat jeder Abruf reibungslos geklappt“, erklärt Gerd Clasen. Die Vergütung der bereitgestellten Regelenergie erfolgt über zwei Komponenten, zum einen über eine Bereitschaftsgebühr („Leistungspreis“) und zum anderen über die Abrufvergütung, die vertraglich garantiert oberhalb der entgangenen Stromvergütung für die Dauer des Abrufes liegt („Arbeitspreis“).

Die KBB ist sicher, dass der von ihr eingeschlagene Weg nachhaltig ist. So sehr, dass die Betreibergesellschaft die Anforderungen der Minuten- und Sekundärreserve – aber auch die der bedarfsorientierten Einspeisung zu Spitzennachfragezeiten an der Strombörse mit Hilfe der Flexibilitätsprämie – bereits bei der technischen und finanziellen Planung des nächsten BHKW-Zubaus berücksichtigt. „Dann sind wir noch flexibler“, freut sich Gerd Clasen schon heute.

Kennzahlen

Gesamtleistung:2.216 kW
Standort-BHKWs 1-5:600 kW, 366 kW, 190 kW, 265 kW, 265 kW
Satelliten-BHKWs 1 & 2:265 kW, 265 kW
Gasspeichervolumen:12.430 m³
Fermentervolumen:8.601 m³
Eingesetzte Produkte:Direktvermarktung und Regelenergie für Biogasanlagen