Was ist die 6-Stunden-Regel?

Definition

Im EEG 2017 wurde in §51 sogenannte „6-Stunden-Regel“ (auch "6-Stunden-Regelung") festgeschrieben. Diese besagt, dass die Förderung mancher Erneuerbare-Energie-Anlagen im Marktprämienmodell ausgesetzt wird, wenn der Börsenstrompreis im Verlauf von sechs Stunden oder mehr negativ ist. Tritt dieser Fall ein, erhalten die Anlagen rückwirkend ab der ersten Stunde mit negativen Preisen keine Marktprämie mehr. Bereits im EEG 2014 wurde diese Regelung in §24 eingeführt.

Die 6-Stunden-Regel gilt im Allgemeinen nur für Neuanlagen, die ab dem 1. Januar 2016 in Betrieb genommen wurden (bereits festgelegt im EEG 2014, übernommen ins EEG 2017 als §100 Abs. 1). Von diesen Anlagen gilt sie außerdem nur für:

  • Windkraftanlagen ≥ 3 MW installierte Leistung
  • Alle anderen Erneuerbare-Energie-Anlagen ≥ 500 kW installierte Leistung

Ein Beispiel zur 6-Stunden-Regel

Gegen Mitternacht des 22.12.2014 kommen starke Windböen auf, sodass die deutschen Windkrafträder sehr viel Strom produzieren, während die Nachfrage gering ist. Unflexible Atom- und Kohlekraftwerke drosseln ihre Produktion nicht rechtzeitig, sodass so viel Strom im Markt ist, dass keiner ihn mehr abnehmen möchte: Die Preise sinken ins Negative. Die Situation bleibt bis 8 Uhr morgens bestehen, weil dann die Stromnachfrage schlagartig steigt. Hätte zur damaligen Zeit die 6-Stunden-Regelung bereits gegriffen, hätten alle einspeisenden Windräder über 3 MW installierter Leistung nachträglich keine Marktprämie für den Zeitraum von 0 Uhr bis 8 Uhr morgens bekommen. Außerdem hätten sie für ihren eingespeisten Strom bezahlen müssen – weil die Preise ja negativ waren.

Mit oder ohne die 6-Stunden-Regel fließen die negativen Preise aber weiterhin in die Berechnung des durchschnittlichen Monatsmarktwerts der EE-Anlagen ein, auf dessen Basis die Marktprämie kalkuliert wird. Sinkt der Monatsmarktwert (z.B. weil negative Preise vorgekommen sind), steigt die Marktprämie. Diese erhöhte Marktprämie wird den Anlagenbetreibern jedoch nicht zu Zeiten ausgezahlt, in denen die 6-Stunden-Regel greift. Die Anlagenbetreiber bzw. ihre Direktvermarkter haben mit 6-Stunden-Regel also ein höheres Preisrisiko. Eine Studie von Energy Brainpool aus dem Jahr 2014 kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass negative Preise in den kommenden Jahren stetig zunehmen werden. Die Einführung der 6-Stunden-Regel reduziert also gerade langfristig die Investitionssicherheit in neue EEG-geförderte Anlagen.

Warum wurde die 6-Stunden-Regel eingeführt?

Befürworter der 6-Stunden-Regel argumentieren, dass sie gerecht sei, weil mit ihr EEG-geförderte Anlagen am Risiko von negativen Börsenpreisen beteiligt würden. Dem Argument liegt in der Regel die Annahme zugrunde, dass gerade die schwankenden Erneuerbaren Wind und Solar die negativen Börsenpreise überhaupt erst verursachen, wenn es plötzlich außergewöhnlich sonnig und/oder windig ist.

Intraday-Preisverlauf hohe Windeinspeisung negative Strompreise Preisverlauf am Intraday-Markt bei hoher Windenergieeinspeisung und negativen Börsenpreisen (Beispiel des 11.04.2014).

Die Gegner der 6-Stunden-Regelung hingegen kommen zu dem Ergebnis, dass die fluktuierenden Erneuerbaren an sich negative Preise gar nicht verursachen. Im Gegenteil sei es so, dass Windkraft und Solaranlagen neben ihrem politischen Einspeisevorrang natürlicherweise die niedrigsten Grenzkosten im Markt haben, weil sie – einmal installiert – beinah ohne zusätzliche Kosten Strom produzieren. Sie sollten also aus Kostensicht immer vorrangig einspeisen und die übrigen Stromerzeuger wie Kohle-, Atom- und Gaskraftwerke sollten flexibel auf die Einspeisemengen von Solar- und Windstrom reagieren. Das tun sie aber in der breiten Masse nicht – sie drosseln ihre Stromproduktion nur geringfügig, auch wenn gerade zu viel Strom im Netz ist. So betrachtet sollten eigentlich unflexible Kraftwerke fossiler Energien dafür bestraft werden, dass sie in Zeiten negativer Preise und damit niedriger Nachfrage unnötig Strom produzieren.

Wann wird der Strompreis als negativ bewertet?

Das neue Strommarktgesetz, das am 4. November 2015 von der Bundesregierung verabschiedet wurde, enthält unter anderem eine Neuregelung der 6-Stunden-Regel. In dem neuen Gesetz wurde festgelegt, unter welchen Bedingungen Strompreise als negativ eingestuft werden und damit unter die 6-Stunden-Regel fallen. Konkret ist es so, dass ein Stundenpreis als negativ bewertet wird, wenn der Preis der Day-Ahead-Auktion für diese Stunde negativ ist.

Diese nachträgliche Regelung legt neues Gewicht auf die Aufgabe des kurzfristigen Stromhandels, das Stromangebot und die Nachfrage zusammenzubringen. Denn wenn eine Stunde am Day-Ahead-Markt negativ ist, haben die Marktakteure die Möglichkeit, kurzfristig ihre Stromnachfrage für die betreffende Stunde zu erhöhen bzw. ihr Stromangebot zu verringern. Wenn die flexible Anpassung von Angebot und Nachfrage funktioniert, steigen die Preise der gleichen Stunde (bzw. ihrer enthaltenen Viertelstunden) am Intraday-Markt, sodass die Kette negativer Preise unterbrochen wird und die 6-Stunden-Regel nicht greift. So hat der Markt also die Chance, negativen Preisen effizient entgegenzuwirken, während das Risiko eines Vergütungsausfalls für die Anlagenbetreiber (insbesondere von volatilen Stromproduzenten) überschaubar bleibt. Das funktioniert aber natürlich nur, wenn die Direktvermarkter flexible Stromproduzenten und Stromverbraucher in ihrem Portfolio haben, die so kurzfristig auf Preissignale reagieren können.

Wie oft tritt die 6-Stunden-Regel ein?

Da die 6-Stunden-Regel erst seit dem Jahr 2016 wirksam ist, ist 2016 das bisher einzige Jahr, für das relevante Daten zur 6-Stunden-Regel vorliegen. Zu Ihrer Information führen wir trotzdem auch die Jahre 2014 und 2015 auf, auch wenn die 6-Stunden-Regel in diesen Jahren faktisch nicht gegriffen hat.

2016

Negative Stunden
(Day-Ahead & Intraday)
Negative 6-Stunden-Blöcke
(Day-Ahead & Intraday)
Nicht vergütete Stunden
52 4 28

2015

Negative Stunden
(Day-Ahead & Intraday)
Negative 6-Stunden-Blöcke
(Day-Ahead & Intraday)
Nicht vergütete Stunden
66 3 19

2014

Negative Stunden
(Day-Ahead & Intraday)
Negative 6-Stunden-Blöcke
(Day-Ahead & Intraday)
Nicht vergütete Stunden
36 1 7